Frau Rebekka mit den Kindern

Matthias Claudius

1797

Kommt Kinder, wischt die Augen aus, Es gibt hier was zu sehen; Und ruft den Vater auch heraus… Die Sonne will aufgehen! –

Wie ist sie doch in ihrem Lauf So unverzagt und munter! Geht alle Morgen richtig auf, Und alle Abend unter!

Geht immer, und scheint weit und breit In Schweden und in Schwaben, Dann kalt, dann warm, zu seiner Zeit, Wie wir es nötig haben.

Von ohngefähr kann das nicht sein, Das könnt ihr wohl gedenken; Der Wagen da geht nicht allein, Ihr müßt ihn ziehn und lenken.

So hat die Sonne nicht Verstand, Weiß nicht, was sich gebühret; Drum muß Wer sein, der an der Hand Als wie ein Lamm sie führet.

Und der hat Gutes nur im Sinn, Das kann man bald verstehen: Er schüttet seine Wohltat hin, Und lässet sich nicht sehen;

Und hilft und segnet für und für, Gibt jedem seine Freude, Gibt uns den Garten vor der Tür, Und unsrer Kuh die Weide;

Und hält euch Morgenbrot bereit, Und läßt euch Blumen pflücken, Und stehet, wenn und wo ihr seid, Euch heimlich hinterm Rücken,

Sieht alles was ihr tut und denkt, Hält euch in seiner Pflege, Weiß was euch freut und was euch kränkt, Und liebt euch allewege.

Das Sternenheer hoch in der Höh, Die Sonne die dort glänzet, Das Morgenrot, der Silbersee Mit Busch und Wald umkränzet,

Dies Veilchen, dieser Blütenbaum Der seine Arm’ ausstrecket, Sind, Kinder! »seines Kleides Saum«, Das ihn vor uns bedecket;

Ein »Herold«, der uns weit und breit Von ihm erzähl’ und lehre; Der »Spiegel seiner Herrlichkeit«; Der »Tempel seiner Ehre«,

Ein mannichfaltig groß Gebäu, Durch Meisterhand vereinet, Wo seine Lieb’ und seine Treu Uns durch die Fenster scheinet.

Er selbst wohnt unerkannt darin, Und ist schwer zu ergründen. Seid fromm, und sucht von Herzen ihn, Ob ihr ihn möchtet finden.

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Illustration zu Frau Rebekka mit den Kindern

Interpretation

Das Gedicht "Frau Rebekka mit den Kindern" von Matthias Claudius ist ein religiöses und naturmystisches Werk, das die Schönheit und Ordnung der Schöpfung als Ausdruck göttlicher Liebe und Fürsorge interpretiert. Der Dichter lädt die Kinder ein, die aufgehende Sonne zu beobachten und darüber nachzudenken, wie sie jeden Tag zuverlässig aufgeht und wieder untergeht. Dies wird als Beweis für die Existenz eines göttlichen Wesens gesehen, das die Sonne lenkt und die Welt lenkt. In den folgenden Strophen erweitert Claudius die Betrachtung auf die gesamte Natur, einschließlich der Sterne, des Morgengrauens, der Seen, Wälder und Blumen. All diese Elemente werden als "Saum seines Kleides" bezeichnet, was darauf hindeutet, dass sie nur ein kleiner Teil der göttlichen Schöpfung sind, die uns umgibt. Der Dichter verwendet Metaphern wie "Herold", "Spiegel seiner Herrlichkeit" und "Tempel seiner Ehre", um die Natur als Zeugnis und Offenbarung Gottes zu beschreiben. Das Gedicht schließt mit einer Aufforderung an die Kinder, fromm zu sein und Gott von Herzen zu suchen. Claudius betont, dass Gott in seiner Schöpfung wohnt, aber unerkannt und schwer zu ergründen ist. Die letzte Zeile lädt die Leser ein, eine persönliche Beziehung zu Gott zu suchen und ihn zu finden, was auf eine spirituelle Suche und eine tiefe, innige Verbindung mit dem Göttlichen hindeutet.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Die Wiederholung des 'w' in 'wohnt unerkannt' und 'schwer zu ergründen'.
Anapher
Die Wiederholung von 'Und' am Anfang mehrerer Zeilen.
Apostrophe
Der Sprecher spricht direkt zu den Kindern und dem Vater.
Hyperbel
Die Sonne scheint 'weit und breit' in Schweden und Schwaben.
Metapher
Die Natur wird als 'mannichfaltig groß Gebäu' beschrieben, durch das Gottes Liebe und Treue scheinen.
Personifikation
Die Sonne geht 'richtig auf' und 'unter' und wird als 'unverzagt und munter' beschrieben.
Symbolik
Die 'Sternenheer' und 'Morgenrot' symbolisieren die Schöpfung und die Schönheit der Natur.
Vergleich
Die Sonne wird 'wie ein Lamm' geführt.