Frau Agnes und ihre Nonnen

Conrad Ferdinand Meyer

1882

Ein Klosterhof, ein Lenzestag! Ein schwarzer Lindenschatten, Wo der gekrönte Habsburg lag Erstochen auf den Matten.

Frau Agnes, die gestrenge Frau Des Vaters Blut zu rächen Rief mordend aus: “Ich bad in Tau!” Und schritt in roten Bächen.

Sie freute sich, in warmes Blut Die Knöchel einzutauchen, Sie warf in stille Dörfer Glut, Sie liess die Burgen rauchen.

Nachdem Gericht gehalten war, Vollbracht die Totenfeier, Verbarg sie das Medusenhaar Mit einem Nonnenschleier.

Sie schuf ein Kloster, wo hervor Aus Grüften Geister schweben, Sie füllt mit Blumen an den Chor, Mit lauter jungem Leben:

Sie raubt das krause Blondgelock Manch einem Edelkinde, Beschert ihm einen schwarzen Rock Und eine blanke Binde.

Sie geisselt sich den weissen Leib, Bis rote Tupfen rinnen. Sie will, das unbarmherzge Weib, Den zarten Heiland minnen.

Dort sitzt sie unter Lindennacht Am kühlen Klosterbronnen, Sie hat die Bibel mitgebracht Zur Andacht ihrer Nonnen.

Am Gatter lauschen Kinder scheu Mit frisch gepflückten Veilchen, Ein Weiblein hinkt mit Holz vorbei, Bückt tief sich vor der Heilgen.

Dem jüngsten Nönnchen gibt das Buch Sie jetzt, der lieblich Bleichen: “Wir blieben bei Sankt Pauli Spruch. Sieh her! Da steckt das Zeichen!”

Die Zarte, die das Buch empfing, Beschaut Sankt Paulum denkend. Sie liest. Ihr lauscht der Schwestern Ring, Die Wimper züchtig senkend -

“Was frommte mir die Fastenzeit, Was frommten Geisselhiebe, Was frommt es, trüg ich hären Kleid Und mangelte der Liebe?”

Da schwellt ein Seufzer manche Brust Im Nonnenrock erbaulich, Und manche kecke Lebenslust Blickt traurig und beschaulich …

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Frau Agnes und ihre Nonnen

Interpretation

Das Gedicht "Frau Agnes und ihre Nonnen" von Conrad Ferdinand Meyer erzählt die Geschichte von Frau Agnes, einer grausamen und rachsüchtigen Frau, die nach einem blutigen Racheakt ein Kloster gründet. Die Interpretation des Gedichts zeigt, wie Frau Agnes von ihrer Vergangenheit gezeichnet ist und versucht, durch die Gründung des Klosters und die Erziehung junger Mädchen zur Buße und Frömmigkeit zu finden. Im ersten Teil des Gedichts wird die blutige Tat von Frau Agnes beschrieben, bei der sie den gekrönten Habsburg ersticht und sich in seinem Blut badet. Sie freut sich daran, ihre Knöchel in warmes Blut zu tauchen und setzt ihre mörderische Tat fort, indem sie Dörfer in Brand steckt und Burgen zerstört. Diese Gewalttätigkeit und Blutlust zeigen die dunkle Seite von Frau Agnes und ihre unersättliche Rache. Nachdem sie ihre Rache vollbracht hat, versteckt Frau Agnes ihr "Medusenhaar" unter einem Nonnenschleier und gründet ein Kloster. Sie füllt den Chor mit Blumen und jungem Leben, raubt den Mädchen das krause Blondgelock und gibt ihnen einen schwarzen Rock und eine blanke Binde. Frau Agnes geißelt sich selbst und versucht, den zarten Heiland zu lieben. Diese Selbstgeißelung und Frömmigkeit stehen im starken Kontrast zu ihrer vorherigen Gewalttätigkeit und deuten auf einen inneren Konflikt hin. Im letzten Teil des Gedichts wird gezeigt, wie Frau Agnes unter der Linde am Klosterbrunnen sitzt und ihren Nonnen die Bibel zur Andacht gibt. Kinder lauschen scheu am Gatter, und ein Weiblein hinkt mit Holz vorbei und verneigt sich vor der Heiligen. Das jüngste Nönnchen erhält das Buch und liest daraus vor. Die Nonnen lauschen andächtig, und ein Seufzer schwillt in vielen Brusttaschen. Die Zeilen "Was frommte mir die Fastenzeit, Was frommten Geisselhiebe, Was frommt es, trüg ich hären Kleid Und mangelte der Liebe?" verdeutlichen, dass die äußere Frömmigkeit und Selbstgeißelung ohne wahre Liebe und innere Einkehr bedeutungslos sind. Insgesamt zeigt das Gedicht "Frau Agnes und ihre Nonnen" die Wandlung einer grausamen und rachsüchtigen Frau zur frommen Nonne, die jedoch immer noch von ihrer Vergangenheit gezeichnet ist. Die Interpretation des Gedichts verdeutlicht den inneren Konflikt zwischen Gewalttätigkeit und Frömmigkeit sowie die Suche nach wahrer Liebe und innerer Einkehr.

Schlüsselwörter

frau blut buch sankt manche klosterhof lenzestag schwarzer

Wortwolke

Wortwolke zu Frau Agnes und ihre Nonnen

Stilmittel

Bildsprache
rote Tupfen rinnen
Hyperbel
Ich bad in Tau!
Metapher
traurig und beschaulich
Personifikation
wo hervor Aus Grüften Geister schweben