Franziskas Abendlied
1864Weiß die Mutter doch so gut, Wann die Apfel reifen, Und ihr eigen Fleisch und Blut Will sie nicht begreifen!
Wenn ich nicht so trostlos wär, Ging′s mir wohl um Treue; Kommt das Glück von ungefähr. Folgt ihm keine Reue.
Seht euch nur dies Leben an, Hühner, Enten, Gänse - Drüben schwingt der Schnittersmann Schon die blanke Sense.
Baut ich auf den lieben Gott, Baut auf meine Karten, Ward bei beiden mir zum Spott, Lernte fleißig warten!
Zwanzig Sommer sind vorbei, Armes, kurzes Leben - Hast nun einen süßen Mai Heimlich doch gegeben!
Ist die Nacht nicht gar so still, Stiller wird′s am Tage; Weiß man einmal, was man will, Scheut man keine Plage.
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Interpretation
Das Gedicht "Franziskas Abendlied" von Frank Wedekind thematisiert die Konflikte und Enttäuschungen einer jungen Frau, die zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und eigenen Wünschen hin- und hergerissen ist. Franziska reflektiert über die Ungerechtigkeit, dass ihre Mutter die Naturgesetze wie den Reifeprozess der Äpfel versteht, aber nicht die Bedürfnisse und Sehnsüchte ihrer eigenen Tochter. Sie sehnt sich nach Treue und einem erfüllten Leben, doch das Glück kommt unerwartet und ohne Reue. Franziska vergleicht das menschliche Leben mit dem der Tiere, die dem sicheren Tod durch den Sensenmann geweiht sind. Sie hat auf Gott und auf ihre Karten gebaut, wurde jedoch bei beiden zum Spott und hat gelernt, geduldig zu warten. Die 20 Sommer ihres kurzen Lebens sind vorbei, und Franziska hat einem Mann einen geheimen, süßen Mai geschenkt. Die Nacht mag nicht ganz still sein, aber am Tag wird es noch stiller, was ihre innere Leere und Einsamkeit verdeutlicht. Franziska hat erkannt, was sie will, und scheut keine Mühen, um ihre Ziele zu erreichen, selbst wenn es bedeutet, gegen gesellschaftliche Konventionen zu verstoßen. Das Gedicht zeichnet ein eindringliches Bild einer jungen Frau, die nach Selbstbestimmung und Erfüllung strebt, aber von der Gesellschaft und ihren eigenen Erwartungen eingeengt wird.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Wenn ich nicht so trostlos wär, Ging's mir wohl um Treue; Kommt das Glück von ungefähr.
- Antithese
- Ist die Nacht nicht gar so still, Stiller wird's am Tage
- Hyperbel
- Zwanzig Sommer sind vorbei, Armes, kurzes Leben
- Metapher
- Und ihr eigen Fleisch und Blut
- Personifikation
- Weiß die Mutter doch so gut, Wann die Apfel reifen
- Symbolik
- Schon die blanke Sense
- Vergleich
- Seht euch nur dies Leben an, Hühner, Enten, Gänse