Fragmente aus verlorenen Tagen

Rainer Maria Rilke

1875

….Wie Vögel, welche sich gewöhnt ans Gehn und immer schwerer werden, wie im Fallen: die Erde saugt aus ihren langen Krallen die mutige Erinnerung von allen den großen Dingen, welche hoch geschehn, und macht sie fast zu Blättern, die sich dicht am Boden halten, – wie Gewächse, die, kaum aufwärts wachsend, in die Erde kriechen, in schwarzen Schollen unlebendig licht und weich und feucht versinken und versiechen, – wie irre Kinder, – wie ein Angesicht in einem Sarg, – wie frohe Hände, welche unschlüssig werden, weil im vollen Kelche sich Dinge spiegeln, die nicht nahe sind, – wie Hülferufe, die im Abendwind begegnen vielen dunklen großen Glocken, – wie Zimmerblumen, die seit Tagen trocken, wie Gassen, die verrufen sind, – wie Locken, darinnen Edelsteine blind geworden sind, –

wie Morgen im April vor allen vielen Fenstern des Spitales: die Kranken drängen sich am Saum des Saales und schaun: die Gnade eines frühen Strahles macht alle Gassen frühlinglich und weit; sie sehen nur die helle Herrlichkeit, welche die Häuser jung und lachend macht, und wissen nicht, daß schon die ganze Nacht ein Sturm die Kleider von den Himmeln reißt, ein Sturm von Wassern, wo die Welt noch eist, ein Sturm, der jetzt noch durch die Gassen braust und der den Dingen alle Bürde von ihren Schultern nimmt, – daß Etwas draußen groß ist und ergrimmt, daß draußen die Gewalt geht, eine Faust, die jeden von den Kranken würgen würde inmitten dieses Glanzes, dem sie glauben. – …… Wie lange Nächte in verwelkten Lauben, die schon zerrissen sind auf allen Seiten und viel zu weit, um noch mit einem Zweiten, den man sehr liebt, zusammen drin zu weinen, – wie nackte Mädchen, kommend über Steine, wie Trunkene in einem Birkenhaine, – wie Worte, welche nichts Bestimmtes meinen und dennoch gehn, ins Ohr hineingehn, weiter ins Hirn und heimlich auf der Nervenleiter durch alle Glieder Sprung um Sprung versuchen, –

wie Greise, welche ihr Geschlecht verfluchen und dann versterben, so daß keiner je abwenden könnte das verhängte Weh, wie volle Rosen, künstlich aufgezogen im blauen Treibhaus, wo die Lüfte logen, und dann vom Übermut in großem Bogen hinausgestreut in den verwehten Schnee, – wie eine Erde, die nicht kreisen kann, weil zuviel Tote ihr Gefühl beschweren, wie ein erschlagener verscharrter Mann, dem sich die Hände gegen Wurzeln wehren, – wie eine von den hohen, schlanken, roten Hochsommerblumen, welche unerlöst ganz plötzlich stirbt im Lieblingswind der Wiesen, weil ihre Wurzel unten an Türkisen im Ohrgehänge einer Toten stößt….

Und mancher Tage Stunden waren so. Als formte wer mein Abbild irgendwo, um es mit Nadeln langsam zu mißhandeln. Ich spürte jede Spitze seiner Spiele, und war, als ob ein Regen auf mich fiele, in welchem alle Dinge sich verwandeln.

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Illustration zu Fragmente aus verlorenen Tagen

Interpretation

Das Gedicht "Fragmente aus verlorenen Tagen" von Rainer Maria Rilke ist ein tiefgründiges und vielschichtiges Werk, das verschiedene Metaphern und Bilder verwendet, um die Komplexität und Vielschichtigkeit des Lebens zu beschreiben. Das Gedicht beginnt mit einer Reihe von Vergleichen, die alle ein Gefühl von Schwere und Verlust ausdrücken. Die Vögel, die sich an das Gehen gewöhnt haben, die Gewächse, die in die Erde kriechen, die irre Kinder, das Gesicht im Sarg - all diese Bilder vermitteln ein Gefühl von Verfall und Verlust. Sie scheinen alle Teil eines größeren Ganzen zu sein, das als "Fragmente aus verlorenen Tagen" bezeichnet wird. Im zweiten Teil des Gedichts wird dieses Thema fortgesetzt, aber mit einer neuen Ebene der Komplexität. Hier werden die Bilder von Krankheit und Tod eingeführt, die eine tiefere und düstere Stimmung erzeugen. Die Kranken, die am Saum des Saales stehen und auf die Gnade eines frühen Strahles warten, die Nächte in verwelkten Lauben, die nackten Mädchen, die über Steine kommen - all diese Bilder vermitteln ein Gefühl von Verletzlichkeit und Fragilität. Im letzten Teil des Gedichts wird das Thema des Verlusts und der Verletzlichkeit weiter vertieft. Die Bilder von Greisen, die ihr Geschlecht verfluchen, von vollen Rosen, die im Schnee sterben, von einer Erde, die nicht kreisen kann, weil zu viele Tote sie beschweren - all diese Bilder vermitteln ein Gefühl von Endgültigkeit und Unausweichlichkeit. Insgesamt ist "Fragmente aus verlorenen Tagen" ein tiefgründiges und bewegendes Gedicht, das die Komplexität und Vielschichtigkeit des Lebens auf eindringliche Weise darstellt. Es ist ein Gedicht über Verlust, Verletzlichkeit und die Endgültigkeit des Todes, aber auch über die Schönheit und die Fragilität des Lebens.

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Stilmittel

Metapher
Als formte wer mein Abbild irgendwo, um es mit Nadeln langsam zu mißhandeln
Vergleich
Als ob ein Regen auf mich fiele