Fragment einer Verserzählung

Salomon Gessner

1771

Die Sonne war in Westen, schon von den hohen Bergen, das Gold der Abendröthe, erblaßte an dem Himmel des Mondes schwächre strahlen, besilberten die Erde.

Alß Amor schon bewaffnet, in jennem düstern wäldchen, durch dunkle Schatten irrte, wo öfters zwey verliebte, in grünen Schatten scherzen, wo manches schönes Mädchen, in Blumen ausgestreket, den ihm getreuen Hirten, mit Ungedult erwartet, wo Kleiner Vögel Chöre, der Liebe Lob besingen.

In mitte dieses Wäldchens, versameln alle Bäche, die sich durchs wäldchen schlängeln, in einem See die wellen ihr feuchtes Uffer küssend Hier, hier sah er ein Mädchen, ein nakend badend Mädchen, drum schlich er an das Uffer, das Mädchen zubesehen. Die weißgewölbte Stirne, umkränzten schwarze Locken, mit denen Zephir scherzte, und sie um Halß und Brüste, mit sanftem säuseln schwang, Es glühte auf den Wangen, der purpur junger Roßen, die Kleinen zarten Lippen, umflatterte die Anmuth, der schwarzen Augen Feuer, war reitzend und entzündend, der Leib war schön und prächtig, geschlank, und weiß wie Lilgen, wie man die Venus bildet.

Die wällen hüpften freudig, umschwangen ihre Knie und stiegen in die Höhe,

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und hüpfeten in Kreyßen, in silberfarbnen Zirkeln. Das Mädchen sah den Amor, den es noch nie gekennt, Es sprach, du kleines knäbgen, Geh, oder, wann ich komme, so spriz ich dich mit Wasser.

Doch Amor lächelt schalkhaft, lähnt sich auf seinen bogen, und bleibt am Uffer stehen; Das Mädchen klatscht ins wasser, biß Amor ganz betreufelt, so, wie die Rose glänzte, die ganz beperlet glänzet, wenn sie bey hellem Morgen, das frische Tau befeuchtet.

So wie die kleine Lerche, wann sie die Regentropfen, von bunten Federn schütelt, so schütelte sich Amor die Tropfen abzusprizen.

Drauf sagt er freundlich lächelnd, Mein kind du kannst im sprizen, gewiß sehr artlich treffen, doch sieh, kann ich im schießen, dich auch so artlich treffen.

Drauf langt er in den Köcher, und legt auf seinen Bogen, ein glänzend scharffes pfeilchen, kaum zischt es durch die Lüfte, so staks schon in dem Herzen; des Schreken vollen Mädchens das eilends aus dem wasser, ans nahe Uffer flohe und in dem düstern Wäldchen, geheim den orth besah, wo ihns der pfeil getroffen.

Was, sprach es, fühlt mein Herz, Es ist kein rechter Schmerz, Er schmerzt, doch ist er süß, Ein plagendes vergnügen, was ist nun dieses alles?

Ich hörte diese Worte, Dann ich stak im Gebüsch, wo dieses Mädchen klagte, komm, sez dich auf die Blumen, sprach ich mein schönstes Mädchen, ich heil dir deine wunde.

Die Schaam mahlt seine Wangen, mit reizend schönem purpur, alß es mich reden hörte, es wollte schüchtern fliehen, allein ich hielts zurüke, und fieng es an zuküssen, da fieng es an zulächeln, und foderte durch küsse, von mir noch ville küsse, wir küßten bis wir sinkend, uns auf die blumen legten, etc.

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Interpretation

Das Gedicht "Fragment einer Verserzählung" von Salomon Gessner erzählt eine romantische Begegnung zwischen dem Gott Amor und einem jungen Mädchen. Die Handlung spielt in einem idyllischen Wald am Abend, wo Amor das Mädchen beim Baden beobachtet und sich in sie verliebt. Er schießt einen Pfeil in ihr Herz, was ihr unerklärliche Gefühle bereitet. Der Erzähler, der die Szene beobachtet, tritt hinzu und tröstet das Mädchen, was zu einer leidenschaftlichen Umarmung und einem Kuss führt. Das Gedicht ist in einer klassischen, romantischen Sprache verfasst und beschreibt die Schönheit der Natur und der Figuren in detaillierten Bildern. Der Wald wird als ein Ort der Liebe und des Scherzens dargestellt, wo Vögel die Liebe besingen und verliebte Paare sich treffen. Das Mädchen wird als eine Verkörperung der Venus beschrieben, mit einer weißen, schlanken Figur und schwarzen Locken. Amor wird als ein schelmischer, aber auch liebevoller Gott dargestellt, der das Mädchen mit Wasser bespritzt und dann mit einem Pfeil in ihr Herz trifft. Das Gedicht endet mit einer leidenschaftlichen Szene zwischen dem Erzähler und dem Mädchen, die sich auf die Blumen legen. Die genaue Fortsetzung wird nicht beschrieben, aber der Titel "Fragment einer Verserzählung" deutet darauf hin, dass es sich um einen unvollständigen Text handelt. Das Gedicht vermittelt eine Atmosphäre der Liebe, der Natur und der Leidenschaft, die typisch für die romantische Dichtung des 18. Jahrhunderts ist.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Bildsprache
Die Schaam mahlt seine Wangen, mit reizend schönem purpur
Hyperbel
Es glühte auf den Wangen, der purpur junger Roßen
Metapher
Ein plagendes vergnügen
Personifikation
mit denen Zephir scherzte
Symbolik
Die weißgewölbte Stirne, umkränzten schwarze Locken
Vergleich
so wie die kleine Lerche, wann sie die Regentropfen, von bunten Federn schütfelt