Fragment

Wilhelm Arent

1885

Ich lehne träumend am Brückenrand, Das Aug´ zu des Stromes Tiefen gewandt. Wie Schatten huscht es an mir vorbei, Nur halb noch hör´ ich verworrnes Geschrei. Der Abend dämmert mählich herein … Plötzlich ergießt sich trübfahler Schein: Jäh trifft mein Blick die Menschen all, Die vorüber fluten in wirrem Schwall. Ich sehe Karossen stolz und reich, Daneben die Armut kummerbleich. Zumeist grub tiefe Linien die Not, Das Laster, die Sorge um Leben und Brot. Verrohung spiegelt gar mancher Zug, Unselige Selbstsucht, Lug und Trug. Keinem Auge entsprüht des Daseins Lust - Weltscheue Schwermut füllt meine Brust. Unendliches Weh und unendlicher Groll: Was all das tolle Treiben soll! Die meisten kommen zur Erde und gehen Und haben nie sich selber gesehn. Sie lebten dumpf in tierischem Triebe, Sie fühlten nie das Glück der Liebe. Sie sahen nie der Gottheit Spur, Sie kannten dich nicht, Allmutter Natur.

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Illustration zu Fragment

Interpretation

Das Gedicht "Fragment" von Wilhelm Arent thematisiert die Beobachtung eines Erzählers, der am Brückenrand träumend auf den Strom blickt. Er sieht die Menschen vorbeiziehen wie Schatten und hört ihr verworrnes Geschrei nur noch halb. Der Abend bricht herein und plötzlich ergießt sich trübfahler Schein, der den Blick des Erzählers auf die Menschen richtet, die in wirrem Schwall vorüberfluten. Der Erzähler beschreibt die Menschen als eine Mischung aus Reichtum und Armut, wobei die Armut kummerbleich und von Not gezeichnet ist. Er sieht Verrohung, Unselige Selbstsucht, Lug und Trug in ihren Gesichtern. Keinem Auge entspringt die Lust des Daseins, stattdessen füllt weltscheue Schwermut die Brust des Erzählers. Er fragt sich, was all das tolle Treiben soll. Der Erzähler kommt zu dem Schluss, dass die meisten Menschen zur Erde kommen und gehen, ohne sich selbst jemals gesehen zu haben. Sie lebten dumpf in tierischem Triebe, fühlten nie das Glück der Liebe und sahen nie die Spur der Gottheit. Sie kannten nicht die Allmutter Natur. Das Gedicht vermittelt eine tiefe Melancholie und Enttäuschung über die menschliche Existenz und den Mangel an spiritueller und emotionaler Erfüllung im Leben vieler Menschen.

Schlüsselwörter

nie all lehne träumend brückenrand aug stromes tiefen

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Stilmittel

Alliteration
Unselige Selbstsucht, Lug und Trug
Anapher
Sie lebten dumpf in tierischem Triebe, Sie fühlten nie das Glück der Liebe
Bildsprache
Wie Schatten huscht es an mir vorbei
Metapher
Allmutter Natur
Personifikation
Der Abend dämmert mählich herein