Frage

Christian Friedrich Daniel Schubart

1739

Warum ist mir das Morgenroth So blutgestreift? die Welt so todt? Warum strahlt mir das Sonnelicht Oft so beschwerlich ins Gesicht? Und warum weint die Wolke mir? Was traurt der Linde Blüthenzier? Die Lüfte wimmern: jedes Bild Ist mir in Trauerflor gehüllt! Der Thau, beglänzt vom Sonnenschein, Däucht mir, vom Schnmerz geweint zu seyn, Die Wohlgerüche in der Luft Umschwimmen mich wie Gräberduft; Die lieben Blümlein allzumal Sind mir versengt vom Sonnenstrahl. Der Vogel aus der Luft herab Tönt mir, wie Sterbgesang am Grab; Und alles, alles um mich her Scheint kummervoll und thr äneschwer. Die Farben grün und weiß und roth, Sind abgestanden, schwarz und todt. Die Menschen. derenTrost ich such′, Sind Geister, die im Leichentuch Mich ansehn bleich, und furchtbarstumm. Du guter Gott! warum, warum? Hast du der ganzen Erde Pracht Zu einem Todtenschlund gemacht? - Ach nein! die Welt ist noch, wie vor, Nur dem, der, Freiheit! dich verlor Ist diese Welt, so schön gemacht, Ein Todtenschlund voll Fluch und Nacht Wo alles heult, den Schädel schlägt, Verzweiflung brüllt, - und Ketten trägt! O Gott im Himmel mach mich frei Aus dieser Höllentäuscherei -.

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Interpretation

Das Gedicht Frage von Christian Friedrich Daniel Schubart beschreibt eine Welt, die dem lyrischen Ich düster und traurig erscheint. Die Natur wird als blutrot und tot wahrgenommen, die Farben als abgestanden und schwarz. Sogar die Menschen erscheinen dem Ich als Geister in Leichentüchern. Das Ich fragt sich, warum Gott die Erde so zur Hölle gemacht hat. Im zweiten Teil des Gedichts wird deutlich, dass die negative Weltsicht des Ichs aus dem Verlust der Freiheit resultiert. Erst mit der Erkenntnis, dass die Welt für diejenigen, die die Freiheit verloren haben, zur Hölle geworden ist, kann das Ich seine Klage verstehen. Die Welt selbst ist noch wie zuvor, nur die eigene Perspektive hat sich verdüstert. Das lyrische Ich fleht am Ende zu Gott, es möge aus dieser "Höllentäuschung" erlöst werden. Es sehnt sich danach, die Welt wieder in ihrer Schönheit und Farbenpracht wahrnehmen zu können, frei von der dunklen Brille des Freiheitsverlusts. Das Gedicht vermittelt eindrücklich, wie sehr die eigene Lebenssituation und Perspektive die Wahrnehmung der Umwelt beeinflussen können.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Hyperbel
Die Wohlgerüche in der Luft Umschwimmen mich wie Gräberduft
Metapher
Aus dieser Höllentäuscherei
Personifikation
Und warum weint die Wolke mir?
Vergleich
Der Vogel aus der Luft herab Tönt mir, wie Sterbgesang am Grab