Form ist Wollust

Ernst Stadler

1914

Form und Riegel mußten erst zerspringen, Welt durch aufgeschlossne Röhren dringen: Form ist Wollust, Friede, himmlisches Genügen, Doch mich reißt es, Ackerschollen umzupflügen. Form will mich verschnüren und verengen, Doch ich will mein Sein in alle Weiten drängen - Form ist klare Härte ohn′ Erbarmen, Doch mich treibt es zu den Dumpfen, zu den Armen, Und in grenzenlosem Michverschenken Will mich Leben mit Erfüllung tränken

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Illustration zu Form ist Wollust

Interpretation

Das Gedicht "Form ist Wollust" von Ernst Stadler thematisiert den Konflikt zwischen dem Wunsch nach Freiheit und dem Drang nach Struktur und Form. Der Sprecher beschreibt eine innere Zerrissenheit, die zwischen dem Bedürfnis nach Ordnung und dem Verlangen nach grenzenloser Entfaltung schwankt. Die erste Strophe verdeutlicht die anfängliche Ablehnung von Form und Struktur, die als "Riegel" und "Welt durch aufgeschlossne Röhren" dargestellt werden. Hier wird die Form als etwas Engeres und Beschränkendes wahrgenommen, das den natürlichen Fluss des Lebens behindert. Der Sprecher sehnt sich danach, die Welt in ihrer ganzen Fülle zu erfahren, ohne von äußeren Zwängen eingeengt zu werden. In der zweiten Strophe wendet sich die Perspektive, und die Form wird als "Wollust, Friede, himmlisches Genügen" beschrieben. Der Sprecher erkennt die Schönheit und den Trost, den die Form bieten kann. Doch gleichzeitig bleibt der Drang nach Freiheit bestehen, symbolisiert durch das Bild des "Ackerschollen umpflügens". Dieser innere Konflikt zwischen dem Streben nach Ordnung und dem Verlangen nach Freiheit durchzieht das gesamte Gedicht. Die abschließende Strophe bringt die Ambivalenz des Sprechers zum Ausdruck. Die Form wird als "klare Härte ohn' Erbarmen" beschrieben, was auf ihre potenziell einschränkende Natur hinweist. Gleichzeitig wird der Wunsch nach Mitgefühl und Solidarität mit den "Dumpfen" und "Armen" deutlich. Der Sprecher strebt danach, sich in grenzenlosem "Michverschenken" zu verlieren und durch das Leben mit Erfüllung "getränkt" zu werden. Diese letzte Strophe verdeutlicht die Sehnsucht nach einer Synthese aus Form und Freiheit, in der der Einzelne sowohl Struktur als auch Mitgefühl erfahren kann.

Schlüsselwörter

form will riegel mußten erst zerspringen welt aufgeschlossne

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Stilmittel

Gegenüberstellung
Form will mich verschnüren und verengen, Doch ich will mein Sein in alle Weiten drängen
Kontrast
Form ist Wollust, Friede, himmlisches Genügen, Doch mich reißt es, Ackerschollen umzupflügen
Metapher
Form ist Wollust, Friede, himmlisches Genügen
Parallelismus
Und in grenzenlosem Michverschenken Will mich Leben mit Erfüllung tränken
Personifikation
Form ist klare Härte ohn′ Erbarmen
Wiederholung
Form ist Wollust, Friede, himmlisches Genügen, Form will mich verschnüren und verengen, Form ist klare Härte ohn′ Erbarmen