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Folg mir in mein Domizil

Von

Folg mir in mein Domizil,
liebes Kind, und frag nicht viel.
Wirst schon alles lernen,
wirst schon alles sehn,
liest nicht in den Sternen,
was dir heut noch alles kann für Heil geschehn.

Stehst herum in Nacht und Wind.
Komm! Bei mir ist′s warm, mein Kind.
Geb dir einen Taler,
koch dir ein Glas Tee.
Einen Emmentaler
essen wir selbander auf dem Kanapee.

Bleibst bei mir bis früh am Tag.
Geht dann jeder, wo er mag.
Ich zum Redaktöre,
du, wohin dich′s treib.
Morgen küßt, ich schwöre,
dich mein guter Nachbar, mich des Nachbars Weib.

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Gedicht: Folg mir in mein Domizil von Erich Kurt Mühsam

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Folg mir in mein Domizil“ von Erich Mühsam entfaltet eine suggestive Atmosphäre, die von Verheißung und latenter Gefahr geprägt ist. Der Titel selbst, in Verbindung mit den ersten beiden Zeilen („Folg mir in mein Domizil, / liebes Kind, und frag nicht viel.“), etabliert sofort eine intime, beinahe verführerische Anrede. Das „liebe Kind“ wirkt einerseits liebevoll, andererseits aber auch herablassend und signalisiert eine gewisse Überlegenheit des Sprechers. Der Imperativ „Frag nicht viel“ deutet auf das Bestreben hin, jegliche Hinterfragung oder Skepsis zu unterdrücken und die angesprochene Person in eine passive Rolle zu drängen.

Der zweite Abschnitt des Gedichts verstärkt den Eindruck der Verlockung. Die angebotene Wärme, der Tee und der Emmentaler symbolisieren scheinbare Geborgenheit und Wohlstand. Die Zeilen beschwören eine scheinbar idyllische Zweisamkeit, die durch das gemeinsame Essen auf dem Kanapee zusätzlich unterstrichen wird. Dies dient jedoch nur dazu, die eigentliche Absicht des Sprechers zu verschleiern. Die scheinbare Großzügigkeit und das Versprechen von Komfort lenken von den tieferen, möglicherweise unethischen Motiven des Sprechers ab. Die Zeile „Wirst schon alles lernen, / wirst schon alles sehn“ ist besonders bezeichnend, da sie eine implizite Andeutung von verborgenen Erfahrungen enthält, die das „liebe Kind“ in diesem Domizil erwarten.

Die letzte Strophe offenbart dann die wahre Natur der Beziehung und die moralische Zerrissenheit des Sprechers. Die Ankündigung, dass am nächsten Tag jeder seinen eigenen Weg geht, unterstreicht die Flüchtigkeit des Zusammenseins und die fehlende Verpflichtung. Die überraschende Wendung, dass der gute Nachbar das „liebe Kind“ küssen wird, während der Sprecher vom Nachbars Weib geküsst wird, entlarvt die dekadente, libertine Natur der Szene. Die Zeilen enthüllen eine Welt, in der Moral und Treue keine Rolle spielen und in der sexuelle Freiheit zur Norm geworden ist. Der Sprecher scheint in ein Netz von unehrlichen Beziehungen verstrickt zu sein.

Mühsam nutzt in diesem Gedicht eine scheinbar einfache Sprache und vertraute Bilder, um eine beunruhigende Wahrheit zu enthüllen. Die Verwendung von Reimen und einem eingängigen Rhythmus verstärkt die verführerische Wirkung und unterstreicht die Ironie des Textes. Die scheinbare Wärme und Gastfreundschaft, die der Sprecher anbietet, verbergen eine Welt der Unmoral und des Verrats. Das Gedicht ist somit eine subtile Kritik an den gesellschaftlichen Normen und eine Auseinandersetzung mit der Ambivalenz menschlicher Beziehungen.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.