Flutet mir in diese trübe Reise...
1907Flutet mir in diese trübe Reise Deines Herzens warme Bahn entgegen? Nur noch Stunden und ich werde leise meine Hände in die deinen legen: o wie lange ruhten sie nicht aus. Kannst du dir denn denken, daß ich Jahre so: ein Fremder unter Fremden fahre? Und nun endlich nimmst du mich nach Haus.
Siehst du, selbst um das Gestirn zu schauen, brauchts ein kleines irdisches Beruhn, denn Vertrauen kommt nur aus Vertrauen, Alles Wohltun ist ein Wiedertun. Ach die Nacht verlangte nichts von mir. Doch wenn ich mich zu den Sternen kehrte, der Versehrte an das Unversehrte: Worauf stand ich? War ich hier?
Ach wie Wind durchging ich die Gesträuche, jedem Haus entdrang ich wie ein Rauch, wo sich andre freuten in Gebräuche blieb ich strenge wie ein fremder Brauch. Meine Hände gingen schreckhaft ein in der andern schicksalvolle Schließung; Alle, alle mehrte die Ergießung: und ich konnte nur vergossen sein.
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Interpretation
Das Gedicht "Flutet mir in diese trübe Reise" von Rainer Maria Rilke handelt von der Sehnsucht nach einer innigen, vertrauensvollen Beziehung. Der Sprecher bittet darum, dass die Wärme des Herzens ihm auf seiner trüben Reise entgegenflutet, da er sich nach Jahren als Fremder unter Fremden endlich auf den Weg nach Hause macht. Die Hände, die lange nicht ausgeruht haben, sollen bald in die des anderen gelegt werden. Der zweite Teil des Gedichts reflektiert über die Notwendigkeit von Vertrauen und Wohltun in zwischenmenschlichen Beziehungen. Der Sprecher vergleicht sich mit einem Versehrten, der sich an das Unversehrte wendet und sich fragt, wo er steht und ob er hierher gehört. Er fühlte sich wie Wind oder Rauch, der durch die Gesträuche und Häuser zieht, ohne sich niederzulassen oder in Bräuche einzutauchen. Im letzten Teil des Gedichts beschreibt der Sprecher, wie seine Hände schreckhaft in die anderer Hände schicksalvolle Schließung gingen. Er fühlte sich wie eine Ergießung, die nur vergossen sein konnte, ohne selbst etwas zu geben oder zu empfangen. Das Gedicht vermittelt ein tiefes Gefühl der Einsamkeit, des Verlangens nach Nähe und des Zweifels an der eigenen Existenz und Zugehörigkeit.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Vertrauen kommt nur aus Vertrauen
- Metapher
- Meine Hände gingen schreckhaft ein
- Personifikation
- Deines Herzens warme Bahn
- Vergleich
- wie ein Rauch