Flut und Ebbe
1892In einem fernen, umbrandeten Land Spielen die Mädchen ein Spiel an dem Strand Schreiten im Reigen, heiter gesinnt, Wann zu steigen die Flut beginnt Weichen zurück in gemessner Flucht Aus der schwellenden Meeresbucht. In den Gewässern ruhigklar Werden sie krause Gestalten gewahr, Rollt eine Woge, sie sehen ein Ross, Sehn einen Reiter, bis er zerfloss. “Schauet den Meermann! Garstig Gesicht! Grinsende Larve, du haschest mich nicht!” Aber das Meer es wächst und naht - “Fliehet, ihr Schwestern! Sonst wirds zu spät!” Alle sie stürzen in hastigem Lauf, Gleiten und reissen die Strauchelnden auf Bis zu der Bank, wo die Ebbe beginnt Wo, wie sie wissen, das Wasser zerrinnt. Dort ist gelagert der flüchtige Chor, Zieht an dem Felsen die Füsse empor Fleht in den Himmel mit brünstigem Schein: “Götter! ihr lasset die Unschuld allein?” Aber die Flut, da den Raub sie berührt Hat das Verhängnis des Ebbens gespürt, Und, wie erschreckt durch das maidliche Ach Gleitet sie nieder und fällt gemach! - Gegen die Ziehnde mit drohendem Arm Hebt sich verfolgend der blühende Schwarm: “Höhnet die Feigen! Sie fliehn aus dem Krieg! Kränzet die Locken und feiert den Sieg!”
Also vergnügt sich das sterbliche Heer Mit dem gelassnen, dem ewigen Meer.
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Interpretation
Das Gedicht "Flut und Ebbe" von Conrad Ferdinand Meyer beschreibt ein Spiel von Mädchen am Strand, das von den Gezeiten beeinflusst wird. Die Mädchen tanzen im Reigen, bis die Flut steigt und sie sich zurückziehen müssen. Sie sehen in den Gewässern phantastische Gestalten und rufen den "Meermann" an, doch das Meer wächst und naht. Die Mädchen fliehen vor der Flut und erreichen eine Bank, wo die Ebbe beginnt. Dort flehen sie die Götter an, die Unschuld zu verschonen. Die Flut, die den Raub berührt, spürt das Verhängnis des Ebbens und gleitet nieder. Der Schwarm der Mädchen erhebt sich mit drohendem Arm gegen die Flut und feiert den Sieg. Das Gedicht endet mit dem Bild des sterblichen Heers, das sich mit dem ewigen Meer vergnügt. Das Gedicht zeigt eine Auseinandersetzung zwischen den Mädchen und dem Meer, das als mächtige und unberechenbare Kraft dargestellt wird. Die Mädchen versuchen, dem Meer zu trotzen und ihre Unschuld zu bewahren, doch am Ende müssen sie sich geschlagen geben. Das Meer wird als ewig und gelassen beschrieben, während die Mädchen als sterbliche Wesen dargestellt werden, die sich nur vorübergehend mit dem Meer vergnügen können. Die Sprache des Gedichts ist sehr bildhaft und poetisch. Meyer verwendet viele Metaphern und Vergleiche, um die Schönheit und Gefährlichkeit des Meeres zu beschreiben. Die Mädchen werden als "schwellender Meeresbucht" und "krause Gestalten" beschrieben, während das Meer als "garstiges Gesicht" und "verhängnisvoller Ebb" dargestellt wird. Die Sprache trägt zur Atmosphäre des Gedichts bei und verstärkt die Spannung zwischen den Mädchen und dem Meer.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Garstig Gesicht! Grinsende Larve
- Anapher
- Schreiten im Reigen, heiter gesinnt
- Hyperbel
- Götter! ihr lasset die Unschuld allein?
- Metapher
- Sehn einen Reiter, bis er zerfloss
- Onomatopoesie
- Krause Gestalten
- Personifikation
- Aber das Meer es wächst und naht
- Symbolik
- Flut und Ebbe