Fluß im Abend
1914Der Abend läuft den lauen Fluß hinunter, Gewittersonne übersprengt die Ufersenkung bunter. Es hat geregnet. Alle Blätter dampfen Feuchte. Die Weidenwildnis streckt mit hellen Tümpeln sich ins witternde Geleuchte. Weiße Nebel sich ins Abendglänzen schwingen. Unterm seichten Fließen dumpf und schrill die mitgezognen Kiesel klingen. Die Pappeln stehn im Licht, traumgroße Kerzen dick mit gelbem Honigseimbeträuft – Mir ist, als ob mein tiefstes Glück durch grüne Ufer in den brennenden Gewitterabendläuft.
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Interpretation
Das Gedicht "Fluß im Abend" von Ernst Stadler schildert eine Szene eines Flusses in der Abenddämmerung nach einem Gewitter. Die Bilder sind von einer intensiven Farbigkeit und einer besonderen Stimmung geprägt. Die "gewittersonne" und die "bunter" Ufer schaffen eine lebhafte, fast surreale Atmosphäre. Die "feuchte" und "dampfende" Luft nach dem Regen verleiht der Landschaft eine greifbare, sinnliche Qualität. Die Natur wird in diesem Gedicht als lebendig und dynamisch dargestellt. Die Weiden "strecken" sich mit "hellen Tümpeln" ins "witternde Geleuchte", was eine fast menschliche Bewegung und Absichtlichkeit suggeriert. Die "weißen Nebel" und das "seichte Fließen" tragen zur ruhigen, aber auch etwas unheimlichen Stimmung bei. Die Geräusche der "Kiesel" unterstreichen die Stille und die Intimität der Szene. Im letzten Teil des Gedichts wird eine persönliche, emotionale Verbindung zur Landschaft hergestellt. Die Pappeln, die wie "traumgroße Kerzen" aussehen, und das "gelbe Honigseimbeträuft" verleihen der Szene eine fast mystische Qualität. Der Sprecher fühlt, dass sein "tiefstes Glück" durch die grünen Ufer in den "brennenden Gewitterabendläuft", was eine tiefe, fast spirituelle Verbundenheit mit der Natur ausdrückt. Das Gedicht endet mit einem Gefühl von Einheit und Harmonie zwischen dem Individuum und der umgebenden Landschaft.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Alle Blätter dampfen Feuchte
- Metapher
- Mir ist, als ob mein tiefstes Glück durch grüne Ufer in den brennenden Gewitterabendläuft
- Onomatopoesie
- Unterm seichten Fließen dumpf und schrill die mitgezognen Kiesel klingen
- Personifikation
- Die Weidenwildnis streckt mit hellen Tümpeln sich ins witternden Geleuchte