Fliegen-Orakel
1888Nach meinem Mittagsmahle Bei heißem Sonnenstrahle Saß ich in guter Ruh’. Halb las ich in der Zeitung, Halb fiel das Aug’ mir zu.
Da kommt hereingeflogen, Da schweift in trägem Bogen Eine Mucke, dick und schwer, Mit Sumseln und mit Brumseln Um meinen Lehnstuhl her.
Bald hör’ ich sie an den Scheiben Mit dem Kopfe trommeln und reiben, Bald fliegt sie her zu mir, Neckt mich mit Surren und Kitzeln, Das dumpfe, träge Thier,
Thut auf den Schädel mir sitzen, Der von dem Sorgen und Schwitzen Tagtäglich kahler wird, Dann kriecht sie mir auf der Nase, Dann wird das Ohr umschwirrt.
Da fühlt’ ich’s in mir tagen: Sie wollte mir etwas sagen Als ein Orakulum, Es wollte nur Wahrheit künden Ihr schläfriges Gebrumm.
Und was sie da gesumselt, Und was sie da gebrumselt, Verstand ich alsobald. Es hieß: O . . . . . . . . . . . . . . . O . . . . . . .! du wirst alt!
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Interpretation
Das Gedicht "Fliegen-Orakel" von Friedrich Theodor Vischer beschreibt einen ruhigen Nachmittag des lyrischen Ichs, das nach dem Mittagessen in der Hitze döst. Das Gedicht zeichnet eine Szene, in der eine dicke, schwere Fliege in den Raum eintritt und um den Lehnstuhl des Ichs herumschwirrt. Die Fliege wird als träge und dumpf beschrieben, doch sie zeigt eine gewisse Hartnäckigkeit, indem sie gegen die Scheiben trommelt, das Ich neckt und sich auf dessen Schädel setzt. Das lyrische Ich beginnt, der Fliege eine tiefere Bedeutung zuzuschreiben und interpretiert ihr Summen und Brummen als eine Art Orakel. Es fühlt, dass die Fliege ihm etwas Wichtiges mitteilen möchte. Die Interpretation des Fliegengeräuschs führt das Ich zu der Erkenntnis, dass die Fliege ihm sagen will, dass er alt wird. Das Gedicht endet mit einer humorvollen und selbstironischen Note, da das Ich die Botschaft der Fliege versteht und akzeptiert. Das Gedicht "Fliegen-Orakel" von Friedrich Theodor Vischer thematisiert auf humorvolle Weise die menschliche Tendenz, auch in den banalsten Dingen eine tiefere Bedeutung zu suchen. Es spielt mit der Idee, dass eine einfache Fliege als Orakel fungieren und eine wichtige Botschaft überbringen kann. Das Gedicht zeigt auch die menschliche Auseinandersetzung mit dem Älterwerden und der Vergänglichkeit der Zeit. Vischer nutzt die Figur der Fliege, um eine humorvolle und zugleich nachdenkliche Betrachtung über das Altern und die menschliche Existenz anzustellen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Halb las ich in der Zeitung, Halb fiel das Aug' mir zu.
- Metapher
- Nach meinem Mittagsmahle Bei heißem Sonnenstrahle Saß ich in guter Ruh'.
- Onomatopoesie
- Mit Sumseln und mit Brumseln
- Personifikation
- Da fühlt' ich's in mir tagen: Sie wollte mir etwas sagen Als ein Orakulum, Es wollte nur Wahrheit künden Ihr schläfriges Gebrumm.