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Fliegen-Orakel

Von

Nach meinem Mittagsmahle
Bei heißem Sonnenstrahle
Saß ich in guter Ruh‘.
Halb las ich in der Zeitung,
Halb fiel das Aug‘ mir zu.

Da kommt hereingeflogen,
Da schweift in trägem Bogen
Eine Mucke, dick und schwer,
Mit Sumseln und mit Brumseln
Um meinen Lehnstuhl her.

Bald hör‘ ich sie an den Scheiben
Mit dem Kopfe trommeln und reiben,
Bald fliegt sie her zu mir,
Neckt mich mit Surren und Kitzeln,
Das dumpfe, träge Thier,

Thut auf den Schädel mir sitzen,
Der von dem Sorgen und Schwitzen
Tagtäglich kahler wird,
Dann kriecht sie mir auf der Nase,
Dann wird das Ohr umschwirrt.

Da fühlt‘ ich’s in mir tagen:
Sie wollte mir etwas sagen
Als ein Orakulum,
Es wollte nur Wahrheit künden
Ihr schläfriges Gebrumm.

Und was sie da gesumselt,
Und was sie da gebrumselt,
Verstand ich alsobald.
Es hieß: O . . . . . . . . . . . . . . .
O . . . . . . .! du wirst alt!

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Gedicht: Fliegen-Orakel von Friedrich Theodor Vischer

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Fliegen-Orakel“ von Friedrich Theodor Vischer ist eine humorvolle und zugleich melancholische Reflexion über das Älterwerden, verpackt in einer scheinbar banalen Begegnung mit einer Fliege. Die scheinbare Banalität des Themas wird durch die gewählte Form der lyrischen Ich-Erzählung und die alltägliche Szenerie des Mittagsschlafs unterstrichen, die den Leser in die Situation hineinzieht. Der Kontrast zwischen dem profanen Setting und der philosophischen Aussage erzeugt eine besondere Spannung.

Die Fliege, die in der Hitze des Tages das lyrische Ich belästigt, wird zum Medium einer überraschenden Erkenntnis. Ihre „Sumseln“ und „Brumseln“, zunächst als lästiges Geräusch wahrgenommen, verwandeln sich in eine prophetische Botschaft. Die Metapher der Fliege als Orakel, das auf dem „kahler werdenden“ Schädel des Erzählers landet, spielt auf die körperliche Vergänglichkeit an, die mit dem Alter einhergeht. Das Gedicht evoziert das Gefühl der Alltäglichkeit, in der das Unvermeidliche – das Altern – in den Vordergrund rückt.

Die Verwendung von Lautmalerei (Sumseln, Brumseln) und die Beschreibung der Fliege als „dick und schwer“ sowie die Erwähnung des „schläfrigen Gebrumm“ unterstützen den humorvollen Ton des Gedichts. Gleichzeitig ist der Inhalt ernst, denn die Botschaft der Fliege ist unmissverständlich: „Du wirst alt!“. Diese direkte Konfrontation mit der Endlichkeit des Lebens wird durch die Leerstelle am Ende des Gedichts verstärkt, die das Gefühl des Unausgesprochenen und die Unausweichlichkeit des Alters hervorhebt.

Die scheinbare Leichtigkeit des Gedichts, die durch die humorvolle Darstellung der Situation und die einfache Sprache erzeugt wird, täuscht über die tiefgründige Thematik hinweg. Vischer gelingt es, die philosophische Frage nach der Vergänglichkeit des Lebens in ein unterhaltsames und leicht zugängliches Gedicht zu verpacken. Die Fliege, als unscheinbarer Bote, wird zum Symbol der Lebensrealität, die uns alle irgendwann einholt. Das Gedicht wird so zu einer Betrachtung des Alltags und der flüchtigen Natur des menschlichen Daseins, die uns durch die scheinbar kleinen Dinge des Lebens vor Augen geführt wird.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.