Finnisches Lied
1832Käm′ der liebe Wohlbekannte, Völlig so wie er geschieden: Kuß erkläng′ an seinen Lippen, Hätt′ auch Wolfsblut sie gerötet; Ihm den Handschlag gäb′ ich, wären Seine Fingerspitzen Schlangen.
Wind! o hättest du Verständnis, Wort′ um Worte trügst du wechselnd, Sollt auch einiges verhallen, Zwischen zwei entfernten Liebchen.
Gern entbehrt′ ich gute Bissen, Priesters Tafelfleisch vergäß′ ich Eher, als dem Freund entsagen, Den ich Sommers rasch bezwungen, Winters langer Weis′ bezähmte.
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Interpretation
Das Gedicht "Finnisches Lied" von Johann Wolfgang von Goethe thematisiert die tiefe Sehnsucht und Treue gegenüber einem geliebten Menschen, der fern ist. Der Sprecher drückt seine unerschütterliche Hingabe aus, selbst wenn der Geliebte in einer schrecklichen Gestalt zurückkehren würde. Die metaphorische Sprache, wie die Vergleichung der Lippen mit Wolfsblut oder der Fingerspitzen mit Schlangen, unterstreicht die Intensität der Gefühle und die Bereitschaft, jegliche äußere Veränderung zu akzeptieren. Der Wind wird als Bote ersehnt, der Worte zwischen den Liebenden überbringen könnte, auch wenn einige Worte dabei verloren gehen mögen. Dies symbolisiert die Hoffnung auf Kommunikation und Verbindung trotz der räumlichen Distanz. Im zweiten Teil des Gedichts betont der Sprecher seine Bereitschaft, auf materiellen Genuss zu verzichten, um die Freundschaft oder Liebe zu bewahren. Der Verzicht auf "gute Bissen" und "Priesters Tafelfleisch" verdeutlicht die Priorisierung der emotionalen Bindung gegenüber körperlichem Wohlgefallen. Die Erwähnung des Sommers und Winters könnte auf die wechselnden Lebensphasen oder die Dauerhaftigkeit der Gefühle hindeuten, die sowohl in leichten als auch in schweren Zeiten Bestand haben. Die "lange Weis′" des Winters, die den Freund "bezähmte", könnte auf die Reifung oder Festigung der Beziehung durch die Zeit anspielen. Insgesamt vermittelt das Gedicht eine tiefe emotionale Verbundenheit, die äußere Veränderungen, Zeit und Entfernung überdauert. Goethe nutzt dabei eindringliche Bilder und Metaphern, um die Intensität der Gefühle und die bedingungslose Treue des Sprechers auszudrücken. Das "Finnische Lied" wird so zu einem zeitlosen Ausdruck der Sehnsucht und der unerschütterlichen Verbundenheit zwischen Liebenden oder Freunden.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Hyperbel
- Eher, als dem Freund entsagen, Den ich Sommers rasch bezwungen, Wintern langer Weis′ bezähmte
- Metapher
- Priesters Tafelfleisch vergäß′ ich
- Personifikation
- Wind! o hättest du Verständnis