Fiebernacht
unknown“Berggeist, ich höre deine Ströme rauschen - Gib mir Gehör! Wir wollen Rede tauschen! Du von der Firn und aus der Gletscher Kühle, Ich aus der engen Krankenkammer Schwüle! Du weisst es, Geist, ich liege hier gefangen Und lasse den geknickten Flügel hangen, Ich ächz und stöhne, den gelähmten, wunden Gebrochnen Arm dicht an den Leib gebunden. Zwei kurzer Wandertage süsses Träumen - Und dich verdross ein Gast in deinen Räumen. Von deinem Tische stiessest du den Zecher, Entrissest ihm den eisgewürzten Becher Und rolltest ihn hohnlachend durch die Klüfte Hinunter in des Fieberlagers Grüfte. Verräter, schmählich hast du mich betrogen! Hast du mich leise rufend nicht gezogen? Warst du mir lange Jahre nicht gewogen? Und wann in deinem Reich ich mich verirrte, Schritt nicht, wie Zufall, mir voran ein Hirte Und liess mich - ungerufen, ungebeten - Bergab in seine sichern Stapfen treten? Du bist mir gram geworden? Lass dich fragen! Muss ich der führerlosen Fahrt entsagen? Des hohen Irreganges mich entwöhnen?” Mir gab Bescheid der Geist mit tiefen Tönen Im Flutensturz und in der Laue Dröhnen, Es klang wie Drohn und wieder klangs wie Höhnen: “Ein junger Wandrer kam zu mir gefahren Mit hastgen Schritten und mit wehnden Haaren, Ein bleiches Bild! So ist er ohne Bangen Auf meinen schmalen Gräten umgegangen, Und über Klüften, schwindelnd abgrundtiefen, Aus welchen jubelnd ihn die Wogen riefen, Ist er gewandelt auf gestürzten Föhren Und schien in meine Wildnis zu gehören, Ein dumpfer Ton in meinen dumpfen Chören - Du warsts … und gingst an eines Abgrunds Saume, Unkundig der Gefahr, in wachem Traume. Doch mir gefiel der Kühne und der Blinde, Und Sorge trug ich dir als einem Kinde - Jetzt, lieber Herr, bist leidlich du vernünftig, Hast Weib und Hof, bist in der Gilde zünftig, Verlass dich nicht auf meine Flügel künftig!”
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Interpretation
Das Gedicht "Fiebernacht" von Conrad Ferdinand Meyer erzählt von einem kranken Menschen, der sich in einer fiebrigen Nacht an einen Berggeist wendet. Der Kranke fühlt sich vom Geist verraten, da er ihn von einer Bergwanderung zurück ins Fieberbett geworfen hat. Er erinnert sich an vergangene Zeiten, als der Geist ihm als Hirte den Weg gewiesen hat, und fragt sich, warum der Geist ihm nun gram ist. Der Geist antwortet, dass er den Kranken einst bewundert habe für seinen Mut und seine Blindheit gegenüber der Gefahr, aber nun, da der Kranke vernünftig geworden ist und ein geordnetes Leben führt, solle er sich nicht mehr auf die Flügel des Geistes verlassen. Das Gedicht thematisiert den Konflikt zwischen jugendlicher Leidenschaft und erwachsener Vernunft. Der Berggeist symbolisiert die ungezähmte Natur und die wilde Sehnsucht des jungen Menschen nach Abenteuer und Freiheit. Der Kranke repräsentiert den gereiften Menschen, der sich den Konventionen der Gesellschaft angepasst hat und seine wilde Seite aufgegeben hat. Der Geist wirft dem Kranken vor, dass er seine Einzigartigkeit und seinen Mut verloren hat und nun wie jeder andere in der Gilde zünftig ist. Die fiebrige Nacht und der kranke Zustand des Protagonisten können als Metapher für die innere Zerrissenheit und das Ringen des Menschen zwischen Vernunft und Leidenschaft gesehen werden. Die Krankheit zwingt den Menschen zur Ruhe und lässt ihn über sein Leben nachdenken. Die Auseinandersetzung mit dem Berggeist ist eine Art Selbstgespräch, in dem der Kranke seine eigene Entwicklung und den Verlust seiner jugendlichen Unbedarftheit reflektiert.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Mit hastgen Schritten und mit wehnden Haaren
- Anapher
- Du weisst es, Geist, ich liege hier gefangen
- Hyperbel
- Und rolltest ihn hohnlachend durch die Klüfte
- Metapher
- Verlass dich nicht auf meine Flügel künftig
- Personifikation
- Berggeist, ich höre deine Ströme rauschen
- Rhetorische Frage
- Warst du mir lange Jahre nicht gewogen?