Fieber

Ferdinand Freiligrath

unknown

“Nur Wasser! o, das kühlt! - die Fratze Fällt nachgerade mir zur Last! Das Maul des Kerls und seine Glatze Sind mir bis in den Tod verhaßt! Jetzt an den Puls, jetzt eine Prise - Fort mit der Hand, armsel´ger Tropf! Ja murre, Fas´ler! Krise, Krise! - Du Narr, das Glas dir an den Kopf!

Endlich, der Zaubrer ist bezwungen! Mein dreister Wurf hat ihn gebannt. Dem Wächtervolk bin ich entsprungen! - O, welch ein Schweben! welch ein Land! Der Wald von Duft durchzogen! golden - Die Sonne badet sich - der Strom! Das Feld voll tausendfarb´ger Dolden! Der Himmel ein sapphirner Dom!

Wie kühl ist´s unter diesen Bäumen! Ach, ich bin matt! wie naß mein Haar! - Zu trinken! - Ha, Pokale schäumen, Und Mädchen reichen sie mir dar! Ach! laßt mich schlummern! - sie bekränzen Die Stirne mir; der Schönsten Arm Umfängt mich; ist das Schwerterglänzen?- Zurück, ohnmächt´ger Söldnerschwarm!

Wer will in meiner Lust mich stören? Ich grins´ ihn an, ich sprech´ ihm Hohn. Und diese Klinge soll ihn lehren, Wen er geweckt mit seinem Drohn. Erschallt, Trompeten! fliegt Standarten! Helmschweife, flattert! Mörser, kracht! Auf ihren Schädeln wetzt die Scharten Der Schwerter aus! vorwärts! zur Schlacht!

O seht, wie rieselt aus den Wunden Das Blut! wie spritzt es himmelan! Die Streiter alle sind verschwunden, Ein Blutmeer überschwemmt den Plan. Wild braus´t es! helft, daß ich entrinne! Vor meinem Aug´ schwimmt´s purpurroth. Die Flut ergreift mich; mitten inne Auf einer Insel steht der Tod.

Zu seinen Füßen speit die Welle Mich aus; - laß ab, laß ab! - das Thor Des Himmels dort, hier das der Hölle! Aus jedem zuckt ein Arm hervor. Er wirft mich mit verruchtem Lachen Den Armen zu - sie packen mich! Des Himmels Engel und die Drachen Der Hölle streiten sich um mich.

O Gott, o Gott! wie sie mich recken! Ihr glaubt wohl, daß ihr Eisen dehnt! - Hierhin und dorthin! - Flammen lecken, Und unter mir gespenstisch gähnt Das ew´ge Nichts! - wohin entrinn´ ich? Sie lassen los, sie stürzen jach Mich in den Abgrund - ha, wo bin ich? Bei euch? seid ihr es? o, bleibt wach.

O, geht nicht fort! - da kommt er wieder! Seht ihr ihn nicht? es ist der Tod! Er beugt sich grinsend zu mir nieder, O, steht mir bei in dieser Roth! - Zurück! was legst du mir die Kohle Aufs Haupt? - ein Loch zu brennen? sprich! Daß meine Seel´ der Teufel hole, Wenn sie hinausfährt? - wahre dich!”

Wahnsinnig sprang er auf vom Lager, Pochend die Brust, die Faust geballt, Die Augen rollend, schlaff und hager Die halbbekleidete Gestalt. Wirr um die bleichen Schläfen hingen Die Haare; brennend, bräunlich roth Das Antlitz. “Tod, nun laß uns ringen!” - Er sank zusammen - er war todt!

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Illustration zu Fieber

Interpretation

Das Gedicht "Fieber" von Ferdinand Freiligrath beschreibt den deliranten Zustand eines fieberkranken Menschen. Die Verse zeichnen die Halluzinationen und Wahnvorstellungen nach, die den Kranken in seinem Delirium heimsuchen. Vom anfänglichen Hass auf den Arzt, der ihm das Wasser reicht, über die Flucht in eine paradiesische Traumwelt, bis hin zu blutigen Schlachten und schließlich dem Kampf mit Tod und Teufel - der fiebernde Geist durchlebt eine Achterbahn der Emotionen und Bilder. Freiligrath vermittelt eindringlich das Gefühl des Kontrollverlusts und der Hilflosigkeit, das den Kranken in seinem Fieberwahn befällt. Die Sprache ist dabei teils lyrisch-verklärt, teils brutal und direkt, was die Zerrissenheit des fiebernden Geistes widerspiegelt. Das Gedicht kulminiert schließlich in dem dramatischen Tod des Kranken, der nach seinem letzten verzweifelten Aufbäumen "zusammen[sinkt]" und "to dt" ist. Freiligraths "Fieber" ist somit eine eindringliche Schilderung der Todesnähe und des Kontrollverlusts, die Fieberträume begleiten können.

Schlüsselwörter

tod ger laß fort krise welch arm zurück

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Helmschweife, flattert! Mörser, kracht!
Anspielung
Des Himmels Engel und die Drachen Der Hölle streiten sich um mich.
Ausruf
O, geht nicht fort! - da kommt er wieder! Seht ihr ihn nicht? es ist der Tod!
Bildsprache
O seht, wie rieselt aus den Wunden Das Blut! wie spritzt es himmelan!
Hyperbel
Und diese Klinge soll ihn lehren, Wen er geweckt mit seinem Drohn.
Ironie
Daß meine Seel´ der Teufel hole, Wenn sie hinausfährt? - wahre dich!
Kontrast
Des Himmels Engel und die Drachen Der Hölle streiten sich um mich.
Metapher
Der Wald von Duft durchzogen! golden - Die Sonne badet sich - der Strom!
Personifikation
Der Himmel ein sapphirner Dom!
Symbolik
Zu seinen Füßen speit die Welle Mich aus; - laß ab, laß ab! - das Thor Des Himmels dort, hier das der Hölle!
Wiederholung
O Gott, o Gott! wie sie mich recken!