Felsblock
1851(bei Wasen an der Gotthardstraße).
Aus des Felsblocks rauhen Spalten Tönt ein Aechzen, tönt ein Knurren; »Das zu bieten einem Alten!« Hör’ ich eine Stimme murren.
»Soll der Sohn so hoher Ahnen, Zeuge von der Urwelt Tagen, Soll der Sprosse der Titanen Einen Grundbirnacker tragen?
Wild und frei emporgehoben An des Hochgebirges Wangen Bin ich einst – schaut hin, dort oben! Stolzes Riesenkind gehangen.
O die Zeit, da um beeiste Zacken noch der Sturmwind sauste, Um mein Haupt der Adler kreiste, Meinen Fuß ein Meer umbrauste!
Hätt’ ich, als herabgewettert Nieder in das Thal ich krachte, Deine Hütten gleich zerschmettert, Menschenvolk, bei dem ich schmachte!
Lieber Staub und Splitter werden, Träg’ als Lehm am Boden liegen, Als so schmählichen Beschwerden Länger mich als Dienstmann fügen!«
Und so hebt er an, zu drücken, Ihn durchzuckt ein Krampf, ein Schüttern, Daß auf seinem breiten Rücken Die Kartoffelblüten zittern.
Laß das Klagen, laß das Knacken, Das wird Alles nichts mehr nützen, Laß geruhig dir im Nacken Den bescheid’nen Acker sitzen!
Denke nur: auch die Kartoffel Ist ein Kind der Erdenmutter Und – erlaub’ mir, alter Stoffel – Schmackhaft namentlich mit Butter.
Mußt dich gar so sehr nicht schämen, Mußt dich, dicker Trotzkopf, eben Auch dem Praktischen bequemen, Das ist Losung jetzt im Leben.
Siehst du, so wird jener, dieser Wildfang im gesetztern Alter Noch ein brauchbarer Acciser Oder Kameralverwalter.
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Interpretation
Das Gedicht "Felsblock" von Friedrich Theodor Vischer erzählt die Klage eines einst stolzen Felsens, der sich erniedrigt fühlt, weil er nun als Grund für einen Kartoffelacker dient. Der Felsblock erinnert sich an seine frühere Größe und Unabhängigkeit, als er hoch oben auf den Bergen thronte und von Sturm, Adler und Meer umgeben war. Er beklagt sich darüber, dass er nicht die menschlichen Hütten zerschmettert hat, als er ins Tal stürzte, sondern nun als Lasttier für den Menschen dient. Die zweite Strophe des Gedichts ist eine Antwort auf die Klage des Felsblocks. Der Sprecher ermutigt den Felsblock, seine Klage aufzugeben und sich damit abzufinden, den Acker auf seinem Rücken zu tragen. Er weist darauf hin, dass auch die Kartoffel ein Kind der Erde ist und mit Butter besonders schmackhaft ist. Der Sprecher rät dem Felsblock, sich dem Praktischen zu beugen, da dies die Losung des Lebens sei. Er vergleicht den Felsblock mit einem Wildfang, der im Alter zu einem brauchbaren Acciser oder Kameralverwalter wird, was bedeutet, dass auch der Felsblock seine Bestimmung finden und nützlich sein kann.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- brauchbarer Acciser oder Kameralverwalter
- Personifikation
- Laß geruhig dir im Nacken Den bescheid'nen Acker sitzen