Feierlicher Protest
1878Ihr schwatzt mir viel von Lebenszwecken, Von Lebensziel und Ruhetag, Und quält euch mühsam auszuhecken, Was wohl aus mir noch werden mag.
Des stillen Glückes Seligkeiten Erzählt ihr alle groß und breit, Ihr sucht mich in den Pfad zu leiten Philisterhafter Häuslichkeit.
Da soll ich von den Lenzgewittern Der frischen Jugend endlich ruhn, Ein Weib mir nehmen, Kinder füttern Und still und fromm und häuslich tun.
Da soll ich Flachs und Wolle schlichten Und Graben zählen nach dem Schick, Soll Gänse mästen, Hengste züchten Und Ochs und Schaf und Ziegenbock.
Indes die Sinne wild und waglich Zum Ungewöhnlichen mich ziehn, Soll ich im Schlafrock träg, behaglich Beim Kaffee sehn mein Pfeifchen glühn.
Ich aber sag’ euch: eher fesseln Könnt ihr im Sturz den Wasserfall, Eh ihr’s vermögt, mich einzukesseln In euren engen Gänsestall.
Ich aber sag’ euch: eher wandeln Könnt ihr zur Gans den Falken um, Eh ihr’s vermögt, mir einzuhandeln Eu’r häusliches Elysium.
Ich mag einmal darauf nicht eingehn, Auf euren schalten Alltagsspaß, Will kecklich durch die Welt allein gehn Mit meiner Lieb’ und meinem Haß.
So hört denn auf mir vorzuleiern, Daß einst der freud’ge Drang vergeht, Der Drang nach Tat und Abenteuern, Der wild durch meine Pulse weht.
Und müßt’ er endlich doch erschlaffen, So sprecht davon mir heut noch nicht, Indes im trotzigen Erraffen Ein jeder Herzschlag anders spricht.
Indes ums Haupt sich, Kraft verkündend, Die braune Jugendlocke schmiegt, Indes das Aug’ noch hell und zündend, Der Geist noch frisch und unbesiegt.
Indes die Faust noch stahleskräftig Sich preßt an Feder oder Schwert, Indes das Blut noch wild geschäftig Vom Herzen nach der Zunge fährt.
Sprecht mir davon, wenn matt und schwächlich Mir Herz und Hand und Zunge ward; Dann will ich leben fein gemächlich Nach eurer saubern Lebensart.
Laßt vor der Hand mich ungeschoren, Philister bleibt vom Kopf zum Fuß, Und weil ich nicht dazu geboren, So will ich’s sein erst, wenn ich muß.
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Interpretation
Das Gedicht "Feierlicher Protest" von Moritz Graf von Strachwitz ist ein leidenschaftliches Plädoyer für ein Leben voller Abenteuer und Leidenschaft, anstatt sich den gesellschaftlichen Erwartungen und der bürgerlichen Häuslichkeit zu unterwerfen. Der Sprecher lehnt die Vorstellungen von einem ruhigen, vorhersehbaren Leben vehement ab und betont seine Sehnsucht nach Freiheit, Tatendrang und dem Ungewöhnlichen. In den ersten Strophen beschreibt der Sprecher, wie andere ihm von Lebenszielen und Ruhe erzählen, ihn aber in einen bürgerlichen Lebensstil lenken wollen. Er wehrt sich gegen die Idee, sich niederzulassen, eine Familie zu gründen und sich mit alltäglichen Aufgaben zu beschäftigen. Stattdessen sehnt er sich nach der "wild und waglich" ziehenden Kraft des Ungewöhnlichen und möchte nicht in einen "engen Gänsestall" eingesperrt werden. Der Sprecher vergleicht sich mit einem Falken, der nicht zur Gans werden kann, und betont seine Entschlossenheit, allein durch die Welt zu gehen, begleitet von seiner Liebe und seinem Hass. Er fordert die Gesellschaft auf, aufzuhören, ihm von der Zukunft zu erzählen, in der sein "freudiger Drang" vergehen könnte. Solange er jung, kräftig und voller Tatendrang ist, möchte er sein Leben nach seinen eigenen Vorstellungen gestalten. Am Ende des Gedichts erklärt der Sprecher, dass er bereit ist, ein ruhigeres Leben zu führen, wenn die Zeit gekommen ist und seine Kraft nachlässt. Bis dahin jedoch bittet er darum, in Ruhe gelassen zu werden und sein Leben nach seinen eigenen Vorstellungen zu gestalten. Das Gedicht ist eine kraftvolle Erklärung der Selbstbestimmung und des Widerstands gegen gesellschaftliche Konventionen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Die braune Jugendlocke schmiegt
- Anapher
- Da soll ich / Da soll ich / Da soll ich
- Gegensatz
- Den Lenzgewittern der frischen Jugend
- Hyperbel
- Könnt ihr im Sturz den Wasserfall
- Metapher
- Den Falken
- Personifikation
- Der wild durch meine Pulse weht
- Vergleich
- Eher könnt ihr zur Gans den Falken um