Feier
1797Das Morgenrot schwimmt still entlang Den Wolkenozean, Den Gliedern zart, mit Liebesdrang Schmiegt sich die Welle an. Ihm folgt die Sonn′ im Sphärenklang Ein roter Flammenkahn, Ein lindes Rauschen grüßt den Tag, Ist es ihr Ruderschlag?
Und es erwachen mit Gezisch Die bunten Vögelein, Sie strecken keck aus dem Gebüsch Die Köpflein, rund und klein, Und tauchen in die Frühluft frisch Die feinen Glieder ein, Die Schnäblein üben sie zumal In Liedern ohne Zahl.
Und auch die Blümlein senden früh Den leisen Duft ins Land, Um ihre Stirnen winden sie Ein hell Juwelenband. Das Spinnlein selbst mit großer Müh′ Braucht die geübte Hand, Es hat sein Netzlein reich geschmückt, Mit Perlenreihn gestickt.
Ich sinne, wem solch heitres Fest Mag zubereitet sein, Und wem zuliebe läßt sein Nest Das treue Vögelein? Da spricht zu mir der linde West Mit seinem Stimmlein fein: Bist du denn also hart und blind, Du töricht Menschenkind?
Was gehst du doch so stumm einher, Wo alles Jubel singt? Was wandelst du so arm und leer, Wo alles Gabe bringt? Daß selbst zu Gottes Lob und Ehr′ Vom Aug′ der Erde dringt Gar manche Träne, daß sie ganz Davon bedeckt mit Glanz.
Er ist es, dem so minniglich Der Baum die Zweige regt, Den mit Gesang so inniglich Das Lied der Vögel trägt, Für den die Sonne rings um sich Die Strahlenwimpel schlägt; All′ Herz tut sich ihm freudig auf, Wach auf, wach auf, wach auf!
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Interpretation
Das Gedicht "Feier" von Annette von Droste-Hülshoff beschreibt einen festlichen Morgen, an dem die Natur in voller Pracht erwacht. Das Morgenrot und die Sonne tauchen die Landschaft in ein warmes Licht, während die Wolken wie ein Ozean erscheinen. Die Vögel erwachen mit Gesang und Freude, strecken ihre Köpfe aus dem Gebüsch und tauchen ihre Glieder in die frische Morgenluft. Die Blumen senden ihren Duft aus und schmücken sich mit einem Juwelenband, während Spinnen ihre Netze mit Perlenreihen besticken. Die Natur scheint ein Fest zu feiern, und der Sprecher fragt sich, wem dieses Fest wohl gewidmet sein mag. Die Antwort kommt in Form einer sanften Stimme des Westwinds, die den Sprecher ermahnt, nicht blind und taub für die Schönheit und Freude der Natur zu sein. Der Wind fragt, warum der Mensch so stumm und arm durch eine Welt geht, in der alles jubelt und Gaben bringt. Selbst die Erde trägt Tränen, die von der Herrlichkeit Gottes erfüllt sind. Das Gedicht endet mit der Erkenntnis, dass alles in der Natur - Bäume, Vögel, Sonne - in inniger Liebe und Freude zu Gott erwacht. Die Natur selbst scheint in einem Zustand der Anbetung und des Lobpreises zu sein, und der Sprecher wird aufgefordert, ebenfalls aufzuwachen und sich dieser Freude und Ehrfurcht anzuschließen. Das wiederholte "Wach auf" am Ende des Gedichts unterstreicht die Dringlichkeit und die Intensität dieser Aufforderung, die Schönheit und die göttliche Gegenwart in der Natur zu erkennen und zu feiern.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Die bunten Vögelein
- Anapher
- Wach auf, wach auf, wach auf
- Bildsprache
- Die feinen Glieder ein, Die Schnäblein üben sie zumal
- Frage
- Ich sinne, wem solch heitres Fest Mag zubereitet sein
- Hyperbel
- In Liedern ohne Zahl
- Metapher
- Die Strahlenwimpel schlägt
- Personifikation
- Der Baum die Zweige regt
- Rhetorische Frage
- Bist du denn also hart und blind, Du töricht Menschenkind?
- Symbolik
- Ein hell Juwelenband
- Vergleich
- Ist es ihr Ruderschlag?