Fata morgana

Wilhelm Arent

1885

Wie milde und süß Des Abends Kühle Und thaufrische Labung Herniedersinkt Auf die heiße dürstende Glutschwangre Erde! Matter glänzen die Tiefen Des Himmesgewölbes In duftweißem Schimmer; Nur in der Ferne Wie stolzen Gebirges Vielhäuptiges Steinmeer Ragt auf der Wolken Stummdräuende Nebelwand. Immer dichter breitet Um die dämmernden Sinne Mit Muttersorgfalt Ihren Traumesschleier Die Trösterin Nacht. Wie Geisterrauschen Zieht’s durch die Lüfte, Sanft küßt es die Köpfchen Zarthalmiger Gräser, Die stolzen Kronen Hochwipfliger Bäume, Daß sie leise erzittern In wonnigem Beben Und flüsternd sich neigen. Jeder Schmerz, jede Sehnsucht Der Seele verhaucht, Mit dem Friedenslispeln Der Lüfte und Sterne. Himmel und Erde Umarmt sich alleins In dem Segenszauber Der müden Natur … Immer deutlicher grüßt Aus wachsenden Schatten Die heilige Schwelle Der Heimath. Jetzt lächle ich selig, Ein seliges Kind, ach, Im Schooße der Mutter.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Fata morgana
↓ Bild in Originalgröße herunterladen

Interpretation

Das Gedicht "Fata morgana" von Wilhelm Arent schildert die poetische und sinnliche Erfahrung eines Abends, der als eine Zeit der Erfrischung und Beruhigung nach der Hitze des Tages dargestellt wird. Die Natur wird in diesem Kontext als mütterliche Figur personifiziert, die Trost und Erleichterung spendet. Die Abendkühle wird als "thaufrische Labung" beschrieben, die sanft auf die "heiße dürstende Glutschwangre Erde" herabfällt, was eine tiefe Erleichterung und Erfrischung symbolisiert. Die Beschreibung der Natur geht über in eine mystische Darstellung, in der die Nacht als "Trösterin" mit "Muttersorgfalt" auftritt und einen "Traumesschleier" um die Sinne legt. Diese Bilder vermitteln ein Gefühl von Schutz und Geborgenheit. Die Nacht wird als eine sanfte, umarmende Kraft dargestellt, die alle Schmerzen und Sehnsüchte der Seele verfliegen lässt. Der Dichter verwendet hier die Metapher der Mutter, um die Natur als eine Quelle des Trostes und der Erneuerung zu charakterisieren. Im letzten Teil des Gedichts wird die Heimat als eine "heilige Schwelle" aus den wachsenden Schatten begrüßt, was eine Rückkehr zu den Wurzeln oder zu einem Zustand des Friedens und der Zufriedenheit symbolisiert. Der Dichter fühlt sich wie ein "seliges Kind" im Schoß der Mutter, was die tiefe emotionale Verbindung und das Gefühl der Geborgenheit in der Natur und der Heimat unterstreicht. Das Gedicht endet mit einem Gefühl der vollkommenen Zufriedenheit und des Friedens, das durch die Umarmung von Himmel und Erde in einem "Segenszauber" erreicht wird.

Schlüsselwörter

erde stolzen lüfte milde süß abends kühle thaufrische

Wortwolke

Wortwolke zu Fata morgana

Stilmittel

bildsprache
Die heilige Schwelle der Heimath
metapher
Ein seliges Kind im Schooße der Mutter
personifikation
Immer deutlicher grüßt aus wachsenden Schatten
vergleich
Wie stolzen Gebirges vielhäuptiges Steinmeer