Fahrt über die Kölner Rheinbrücke bei Nacht
1913Der Schnellzug tastet sich und stößt die Dunkelheit entlang. Kein Stern will vor. Die ganze Welt ist nur ein enger, nachtumschienter Minengang, Darein zuweilen Förderstellen blauen Lichtes jähe Horizonte reißen: Feuerkreis Von Kugellampen, Dächern, Schloten, dampfend, strömend … nur sekundenweis … Und wieder alles schwarz. Als führen wir ins Eingeweid der Nacht zur Schicht. Nun taumeln Lichter her … verirrt, trostlos vereinsamt … mehr … und sammeln sich … und werden dicht. Gerippe grauer Häuserfronten liegen bloß, im Zwielicht bleichend, tot - etwas muß kommen … o, ich fühl es schwer Im Hirn. Eine Beklemmung singt im Blut. Dann dröhnt der Boden plötzlich wie ein Meer: Wir fliegen, aufgehoben, königlich durch nachtentrissne Luft, hoch übern Strom. O Biegung der Millionen Lichter, stumme Wacht, Vor deren blitzender Parade schwer die Wasser abwärts rollen. Endloses Spalier, zum Gruß gestellt bei Nacht! Wie Fackeln stürmend! Freudiges! Salut von Schiffen über blauer See! Bestirntes Fest! Wimmelnd, mit hellen Augen hingedrängt! Bis wo die Stadt mit letzten Häusern ihren Gast entläßt. Und dann die langen Einsamkeiten. Nackte Ufer. Stille. Nacht. Besinnung. Einkehr. Kommunion. Und Glut und Drang Zum Letzten, Segnenden. Zum Zeugungsfest. Zur Wollust. Zum Gebet. Zum Meer. Zum Untergang.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Fahrt über die Kölner Rheinbrücke bei Nacht" von Ernst Stadler schildert eine nächtliche Zugfahrt über den Rhein, die den Leser durch eine Reise der Sinne und Gefühle führt. Der Beginn des Gedichts beschreibt die Dunkelheit und Enge, die den Reisenden umgeben, als ob er sich in einem "nachtumschienten Minengang" befände. Diese Metapher deutet auf ein Gefühl der Isolation und des Eingesperrtseins hin, das durch die plötzlichen, kurzen Einblicke in die Außenwelt, symbolisiert durch "blauen Lichtes jähe Horizonte", noch verstärkt wird. Mit fortschreitender Fahrt intensivieren sich die Sinneswahrnehmungen und die Stimmung wandelt sich von bedrückend zu erhaben. Die Lichter der Stadt, die sich zunächst "trostlos vereinsamt" anfühlen, sammeln sich zu einem "endlosen Spalier", das den Reisenden empfängt. Dieses Bild vermittelt eine majestätische und feierliche Atmosphäre, die durch die Beschreibung der Lichter als "Fackeln stürmend" und das Szenario als "Bestirntes Fest" noch verstärkt wird. Die Stadt wird als lebendiges Wesen dargestellt, das seinen Gast mit einem prächtigen Empfang ehrt. Im letzten Teil des Gedichts folgt eine Phase der Reflexion und inneren Einkehr, nachdem die Stadt den Reisenden "entläßt". Die "langen Einsamkeiten" und die "nackten Ufer" symbolisieren eine Rückkehr zur Stille und Besinnlichkeit. Die abschließenden Worte "Zur Wollust. Zum Gebet. Zum Meer. Zum Untergang." deuten auf eine tiefe, fast spirituelle Erfahrung hin, die den Reisenden mit einem Gefühl der Vollendung und des Abschlusses zurücklässt. Das Gedicht endet mit dem Bild des "Untergangs", was sowohl den physischen Sonnenuntergang als auch eine metaphorische Vollendung oder einen Neuanfang bedeuten könnte.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Dächern, Schloten, dampfend, strömend
- Anapher
- Zur Wollust. Zum Gebet. Zum Meer. Zum Untergang
- Hyperbel
- O Biegung der Millionen Lichter
- Metapher
- Zum Letzten, Segnenden. Zum Zeugungsfest
- Personifikation
- Kein Stern will vor
- Synästhesie
- Eine Beklemmung singt im Blut
- Vergleich
- Wie Fackeln stürmend