Ewige Jugend
1897Schön war′s, als aus dem Morgenrot Mein Leben anhub aufzustrahlen Und mir die Lust in vollen Schalen Die reichsten ihrer Spenden bot; Doch nicht die Jugend, schnell verweht Und bleichend mit den braunen Haaren, Ich preise die, die nie vergeht Und schöner aufblüht mit den Jahren.
Das Götterbild, das immerdar Ich feierte mit Hymnensange, Sie schütz es, daß es ewig prange Auf meines Herzens Weihaltar, Und meine Leier stimme sie, Daß alles Herrliche und Schöne In voller sel′ger Harmonie, Aus ihren Saiten wiedertöne!
Sie trage aufwärts meinen Geist, Auf daß er hoch und höher ringe, So wie in Jugendkraft die Schwinge Den alten Aar nach oben reißt; Er schwebe, himmelsluftgewiegt, Indes, vom Lichtglanz ungeblendet, Er auf die Welt, die unten liegt, Die Sonnenblicke niedersendet.
Häuft dann des Alters Wintertag Den letzten Schnee auf meine Locken: Nicht schrecken mich die weißen Flocken; Ich weiß, ein neuer Lenz folgt nach; Und heller noch, als da ich jung, Wie Abendrot der Alpen Firne, Umleuchte mir Begeisterung, Wenn sie zum Grab sich neigt, die Stirne.
Gedrückt hat so der Genius Dem einundachtzigjähr′gen Greise, Dem hehren Sophokles , noch leise Auf Stirn und Mund den Weihekuß; Und, während er im Morgenlicht Sein Opfer bracht′ am Musenherde, Noch auf den Lippen ein Gedicht, Ward er entrückt von dieser Erde.
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Interpretation
Das Gedicht "Ewige Jugend" von Adolf Friedrich Graf von Schack ist eine poetische Reflexion über die Vergänglichkeit der physischen Jugend und die Beständigkeit der geistigen Jugend. Der Autor beginnt mit einer nostalgischen Erinnerung an die frühe Lebensphase, in der die Jugend mit ihren Freuden und Möglichkeiten in voller Blüte stand. Doch er betont, dass er nicht die vergängliche, physische Jugend preist, sondern die ewige, geistige Jugend, die mit den Jahren nur noch schöner und reicher wird. Im zweiten Teil des Gedichts wendet sich der Autor an eine göttliche Muse, die er um Schutz und Inspiration bittet. Er wünscht sich, dass sein Herz und seine Leier stets in Harmonie erklingen und dass die Schönheit und Herrlichkeit der Welt in seinen Liedern widerhallt. Die Muse soll seinen Geist emporheben, damit er sich immer weiter entwickeln und die Welt von oben betrachten kann, ähnlich wie ein Adler, der in die Höhe steigt. Im letzten Teil des Gedichts reflektiert der Autor über das Alter und den Tod. Er zeigt sich unerschrocken gegenüber den Zeichen des Alterns, da er weiß, dass nach jedem Winter ein neuer Frühling kommt. Seine Begeisterung und Leidenschaft für das Leben bleiben auch im Alter ungebrochen und leuchten wie das Abendrot. Er schließt mit einem Verweis auf den griechischen Tragödiendichter Sophokles, der im hohen Alter noch vom Genius berührt wurde und im Morgenlicht, während er ein Opfer für die Musen darbrachte, von dieser Erde entrückt wurde. Dies symbolisiert die ewige Jugend des Geistes, die auch im hohen Alter und im Angesicht des Todes bestehen bleibt.
Schlüsselwörter
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Stilmittel
- Metapher
- Noch auf den Lippen ein Gedicht, Wurde er entrückt von dieser Erde
- Personifikation
- Und mir die Lust in vollen Schalen Die reichsten ihrer Spenden bot