Es trat Alltäglichkeit
1862Es trat Alltäglichkeit Zur Poesie: »Gib mir dein buntes Kleid!« Sprach herrisch sie, »Gib aus den Locken mir Den gold′nen Kranz, Nur die poet′sche Zier Verleiht dir Glanz.«
Die Gute, mild und zart, In ihre Hand Gab mit der holden Art Kranz und Gewand; Die Andre hüllt sich d′rein Mit eck′ger Hast - Wie Blei zum Edelstein Es für sie paßt.
Dann sprach noch weiter sie: »Nimm du den Pflug! Ich hatte Plag′ und Müh′ Jetzt lang′ genug; Reich mir die Leier her, Arbeite du - Zu singen ist nicht schwer In guter Ruh!«
Sie rührt die Saiten an Mit rauher Hand, Gefild und Waldesplan Erstarrend stand, Der Vogel fliegt erschreckt Vom Ast empor, Der Hirtenbube deckt Sein lauschend Ohr.
Doch sieh′, die Himmelsmaid Voll Majestät, Mit Blicken strahlend weit, Jetzt vor ihr steht, Sie spricht: »Alltäglichkeit, Erkenne dich! Dich macht nicht Kranz noch Kleid Zu dem, was ich.
Dein Thun veracht′ ich nie, Es braucht die Welt Uns beide; bleib′ wo sie Dich hingestellt! Du denkst im Müßiggang Ging′ träg′ ich her - Mein Weg ist schwer und lang, Wie keiner mehr.
Ich baue früh und spat Des Geistes Feld, Der Zukunft gold′ne Saat Mein Fleiß bestellt. Und, wenn ich träumend geh′, Ein Schattenbild, Für tausendfaches Weh Mir Trost entquillt.
Und meiner Seele Leid Das ahnst du nie, Weil du Alltäglichkeit, Ich Poesie!« Dann hob ihr Flügelpaar Sie leise auf, Wo ihre Heimath war, Schwebt sie hinauf.
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Interpretation
Das Gedicht "Es trat Alltäglichkeit" von Luise Büchner thematisiert den Konflikt zwischen Alltäglichkeit und Poesie. Die Alltäglichkeit tritt zur Poesie und fordert deren buntes Kleid und den goldenen Kranz, da sie glaubt, dass nur die poetische Zierlichkeit Glanz verleiht. Die Poesie, gutmütig und mild, gibt ihr bereitwillig die geforderten Gaben, doch die Alltäglichkeit hüllt sich darin mit eckiger Hast ein, als ob Blei zum Edelstein passe. Die Alltäglichkeit fordert weiterhin, dass die Poesie den Pflug nehme und sie selbst die Leier halte, da Singen in guter Ruhe nicht schwer sei. Doch als die Alltäglichkeit die Saiten mit rauer Hand anrührt, erstarren Feld und Waldesplan, der Vogel fliegt erschreckt vom Ast empor und der Hirtenbube deckt sein lauschendes Ohr. Die Poesie, eine himmlische Maid voller Majestät, tritt nun vor die Alltäglichkeit und ermahnt sie, sich selbst zu erkennen. Sie erklärt, dass Kranz und Kleid sie nicht zu dem machen, was sie ist, und dass ihr Tun von der Welt benötigt wird. Die Poesie betont, dass ihr Weg schwer und lang sei, wie kein anderer. Sie baut früh und spät das Feld des Geistes und bestellt die goldene Saat der Zukunft. Auch wenn sie träumend geht und ein Schattenbild ist, entspringt ihr Trost für tausendfaches Weh. Die Seele der Poesie leidet unter einem Leid, das die Alltäglichkeit nie ahnen wird, da sie Alltäglichkeit und die Poesie Poesie ist. Schließlich hebt die Poesie ihre Flügel sanft und schwebt hinauf zu ihrer Heimat.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Plag′ und Müh′
- Anapher
- »Gib mir dein buntes Kleid!« / »Gib aus den Locken mir / Den gold′nen Kranz,«
- Bildsprache
- Mit eck′ger Hast - / Wie Blei zum Edelstein / Es für sie paßt
- Hyperbel
- Mein Weg ist schwer und lang, / Wie keiner mehr
- Kontrast
- Die Gute, mild und zart / In ihre Hand / Gab mit der holden Art / Kranz und Gewand
- Metapher
- Dann hob ihr Flügelpaar
- Personifikation
- Es trat Alltäglichkeit Zur Poesie
- Symbolik
- Kranz und Kleid