Es stehet im Abendglanze...

Clemens Brentano

1794

Es stehet im Abendglanze Ein freies heiliges Haus Da sehen mit schimmernden Augen Viel Knaben und Jungfraun heraus, Dort hab ich mein Liebchen gesehen Ein freundliches zierliches Kind, Sie konnte wohl schweben und drehen, Wie fallende Blüten im Wind

Und die in dem Hause wohnen Sind heilig und wissen es nicht Sie leben mit Kränzen und Kronen Alltäglich ein neues Gedicht Sie sind gleich den Göttern und handlen Wohl täglich in andrer Gestalt, Mein Liebchen wird auch sich verwandlen

O Liebchen, wo bist du geblieben, Ich steh vor dem schimmernden Haus, Und will dich bescheiden nur lieben O Liebchen o sehe heraus Ich will dein pflegen und warten, Im Herzen so treu, als ich kann, Da seh ich dich sitzen im Garten Wohl bei einem reichen Mann.

So kauf ich mir Rechen und Spaten Bind mir ein grün Schürzelein vor Und poche wohl als ein Gärtner An des reichen Mannes Tor Tu auf, tu auf den Garten, Ich will dir wohl ohne Sold Die Blumen all pflegen und warten Sie sind ja mein Silber und Gold.

So sei mir o Gärtner willkommen Zieh hoch die Blumen mir Zieh lang sie zu blühenden Ketten Ich habe ein Vögelchen hier, Zieh hoch und dicht eine Laube Zieh mir ein Gitterhaus Daß keiner mein Vogelchen raube, Und es nicht fliege aus,

Da klingt wohl sanft und süße Im Garten ein heilig Lied Die Bäume senden Grüße, Die Blume lauschend blüht, Da seh ich mein Liebchen so weinen, So blicken zu mir herauf, Die Sonne will nicht mehr scheinen, Die Blumen sie gehen nicht auf.

So hast du dann verlassen Der Götter freies Haus Der Locken Gold muß blassen, Der Augen Licht geht aus O Liebchen o sei nicht so munter, Du hast vergeudet dein Los, Dein Sternlein, es ging ja unter Tief in des Meeres Schoß

Ans Meer will ich mich stellen Betrübt im Abendschein, Und sehen, wie in die Wellen Versinkt dein Sternelein, Und niedersehn und weinen, Die Tränen all hinab, Sie wollen sich ja vereinen Mit deines Sternes Grab.

Dies Lied hab ich ersonnen Wohl vor dem Zauberhaus, Das glänzt in der Abendsonnen, Du blickst nicht mehr heraus Als Jugend um Liebe mußt brennen In irrem Liebeswahn,

Und blickte so hell ihn doch an.

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Illustration zu Es stehet im Abendglanze...

Interpretation

Das Gedicht "Es stehet im Abendglanze..." von Clemens Brentano beschreibt die Sehnsucht eines Liebenden nach seiner verlorenen Geliebten. Das Gedicht beginnt mit der Beschreibung eines heiligen Hauses, in dem der Sprecher seine Liebste zum ersten Mal sah. Sie wird als freundliches und zierliches Kind dargestellt, das wie fallende Blüten im Wind tanzen und sich bewegen kann. Die Bewohner des Hauses werden als heilig und göttlich beschrieben, die täglich in anderer Gestalt handeln. Der zweite Teil des Gedichts handelt von der Verzweiflung des Sprechers, als er seine Liebste nicht mehr im Haus sieht. Er sucht sie im Garten und findet sie bei einem reichen Mann. Aus Verzweiflung beschließt er, sich als Gärtner zu verkleiden und um Zugang zum Garten zu bitten. Er möchte die Blumen pflegen und warten, da sie sein Silber und Gold sind. Der dritte Teil des Gedichts beschreibt die Trauer des Sprechers, als er seine Liebste weinen sieht und die Sonne nicht mehr scheint. Er erkennt, dass sie das heilige Haus verlassen hat und ihr Stern untergegangen ist. Er beschließt, sich ans Meer zu stellen und den Untergang ihres Sternes zu beobachten. Das Gedicht endet mit der Erkenntnis des Sprechers, dass er ein Lied über seine Liebe und seinen Verlust vor dem Zauberhaus erdacht hat.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Und blickte so hell ihn doch an
Hyperbel
Mein Liebchen wird auch sich verwandlen
Kontrast
Als Jugend um Liebe mußt brennen In irrem Liebeswahn
Metapher
Vor dem Zauberhaus
Personifikation
Die Tränen all hinab
Symbolik
Dein Sternlein, es ging ja unter Tief in des Meeres Schoß
Vergleich
Wie fallende Blüten im Wind
Wiederholung
O Liebchen o sehe heraus