Es kann ja nicht immer so bleiben

Friedrich Theodor Vischer

1802

Vorüber wir einst so herzlich gelacht, Dazu lacht bald niemand mehr, Die Späße, die Witze, die wir gemacht, Wer weiß und versteht sie noch, wer?

Der ganze kreuzlustige Sagenkreis, Der Geschichtlein scheckiger Kranz, Die Leutlein, die er zu melden weiß, Bald sind sie vergessen ganz.

Steht Manches geschrieben in Lederband, Soll vererben auf Enkelein, Bald wird es ein unbekanntes Land, Versiegelter Codex sein.

Wie schade, wie schad’ um die Herrlichkeit, Daß sie so verrauscht und verweht! Da fällt’s auf die Seele schwer und breit, Daß eben doch Alles vergeht.

O Herz, bedenke, wenn du’s beweinst: Die Studenten in Rom und Athen, In Memphis, Persepolis haben einst Gleich lustige Tage geseh’n.

Bedenke, sie haben wohl auch gemeint, Der Bemooste, der Bursche, der Fuchs, Es gebe, so lange die Sonne scheint, Nie wieder so einzigen Jux,

Er müsse bestehen ewig neu, Es wäre zu schade darum – Und ist verflogen wie Staub und Spreu, Verklungen und todt und stumm.

Auch unsere Kinder und Kindeskind, Es geht ihnen ebenso: Nichts bleibt im sausenden Zeitenwind Von all’ ihrem jubilo.

Was thut’s? Nichts thut es; es ist ja gleich Wer lacht und worüber man lacht, Es quillt eben allezeit jung und reich Des Lachens erfrischende Macht.

Nur eins, wenn’s käme, ja dann Gutnacht! – Doch es hat keine Noth, man wacht – Wenn die Menschheit nur zum Gemeinen noch lacht, Dann ist’s Zeit, daß Alles verkracht.

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Illustration zu Es kann ja nicht immer so bleiben

Interpretation

Das Gedicht "Es kann ja nicht immer so bleiben" von Friedrich Theodor Vischer reflektiert über die Vergänglichkeit menschlicher Freuden und Erinnerungen. Der Sprecher bedauert, dass die gemeinsamen Scherze und Geschichten, die einst herzlich gelacht wurden, bald vergessen sein werden. Er betont, dass selbst schriftlich festgehaltene Erinnerungen zu einem "unbekannten Land" oder einem "versiegelten Codex" werden können, der von späteren Generationen nicht mehr verstanden wird. Vischer vergleicht die vergänglichen Freuden der Gegenwart mit denen vergangener Studentengenerationen in antiken Städten wie Rom, Athen, Memphis und Persepolis. Er stellt fest, dass auch diese Generationen dachten, ihre einzigartigen Erlebnisse würden ewig bestehen, doch auch sie sind "verflogen wie Staub und Spreu". Der Sprecher erkennt an, dass auch zukünftige Generationen, einschließlich der eigenen Kinder und Kindeskinder, ähnliche Erfahrungen machen werden, und dass nichts von ihrem Jubel im "sausenden Zeitenwind" bestehen bleibt. Trotz dieser Erkenntnis über die Vergänglichkeit findet der Sprecher einen gewissen Trost darin, dass die Kraft des Lachens selbst ewig jung und reich bleibt. Er schließt mit der Feststellung, dass es unwichtig ist, wer lacht und worüber, solange die Menschheit noch in der Lage ist, gemeinsam zu lachen. Das Gedicht endet mit einer Warnung: Sollte die Menschheit jemals aufhören, gemeinsam zu lachen und nur noch das "Gemeine" übrig bleiben, wäre es Zeit, dass "Alles verkracht".

Schlüsselwörter

lacht bald einst weiß schade eben bedenke gleich

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Der Bemooste, der Bursche, der Fuchs
Anapher
Vorüber wir einst so herzlich gelacht, Dazu lacht bald niemand mehr, Die Späße, die Witze, die wir gemacht, Wer weiß und versteht sie noch, wer?
Bildlichkeit
Es ist ja gleich Wer lacht und worüber man lacht, Es quillt eben allezeit jung und reich Des Lachens erfrischende Macht.
Hyperbel
Es gebe, so lange die Sonne scheint, Nie wieder so einzigen Jux
Kontrast
Was thut's? Nichts thut es; es ist ja gleich Wer lacht und worüber man lacht, Es quillt eben allezeit jung und reich Des Lachens erfrischende Macht.
Metapher
Der ganze kreuzlustige Sagenkreis, Der Geschichtlein scheckiger Kranz
Personifikation
Da fällt's auf die Seele schwer und breit