Der Vater zu dem Sohne spricht:
Zum Herz- und Seelengleichgewicht,
zur inneren Zufriedenheit
und äußeren Behaglichkeit
und zur geregelten Verdauung
bedarf es einer Weltanschauung.
Mein Sohn, du bist nun alt genug.
Das Leben macht den Menschen klug,
die Klugheit macht den Menschen reich,
der Reichtum macht uns Herrschern gleich,
und herrschen juckt uns in den Knöcheln
vom Kindesbein bis zum Verröcheln.
Und sprichst du: Vater, es ist schwer.
Wo nehm ich Geld und Reichtum her?
So merk: Sei deines Nächsten Gast!
Pump von ihm, was du nötig hast.
Sei′s selbst sein letzter Kerzenstumpen –
besinn dich nicht, auch den zu pumpen.
Vom Pumpen lebt die ganze Welt.
Glück ist und Ruhm auf Pump gestellt.
Der Reiche pumpt den Armen aus,
vom Armen pumpt auch noch die Laus,
und drängst du dich nicht früh zur Krippe,
das Fell zieht man dir vom Gerippe.
Drum pump, mein Sohn, und pumpe dreist!
Pump anderer Ehr, pump anderer Geist.
Was andere schufen, nenne dein!
Was andere haben, steck dir ein!
Greif zu, greif zu! Gott wird′s dir lohnen.
Hoch wirst du ob der Menschheit thronen!
Erziehung
Mehr zu diesem Gedicht
Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Erziehung“ von Erich Mühsam ist eine bissige Satire auf die bürgerliche Wertevorstellung und die kapitalistische Gesellschaft, die er in Form eines väterlichen Unterrichts darstellt. Der Vater, der seinem Sohn die „Erziehung“ zum Erfolg angedeihen lässt, entlarvt die Heuchelei und moralische Verkommenheit der Gesellschaft, in der materielle Werte und das Streben nach Macht im Vordergrund stehen. Die scheinbar wohlklingenden Worte des Vaters über „Herz- und Seelengleichgewicht“ und „innere Zufriedenheit“ werden durch die praktischen Anweisungen konterkariert, die auf purem Egoismus und Ausbeutung basieren.
Der Vater beginnt mit der Feststellung, dass es zur Erreichung dieser scheinbar erstrebenswerten Ziele einer „Weltanschauung“ bedarf, die er dann selbst liefert. Diese „Weltanschauung“ ist jedoch nichts anderes als eine Anleitung zum skrupellosen Vorgehen, um Reichtum und Macht zu erlangen. Der Weg zum Erfolg, so der Vater, führt über Klugheit, die im Kontext des Gedichts jedoch mit List und Tücke gleichgesetzt wird. Das Gedicht ist ein Spiegelbild einer Welt, in der die Werte wie Ehrlichkeit, Anstand und Mitgefühl keinen Platz mehr haben. Stattdessen wird der Sohn angehalten, sich rücksichtslos zu bereichern, auch wenn er dabei seine Mitmenschen ausnutzen muss.
Das zentrale Motiv des Gedichts ist das „Pumpen“, also das Ausnutzen anderer. Der Vater fordert den Sohn auf, sich bei seinem Nächsten zu bedienen, sogar wenn es sich um den „letzten Kerzenstumpen“ handelt. Diese Metapher verdeutlicht die absolute Rücksichtslosigkeit, die in der Gesellschaft herrscht. Die hierarchische Struktur, in der der Reiche den Armen ausbeutet und selbst die Laus pumpt, wird dargestellt. Mühsam übertreibt diese Prinzipien, um die Absurdität und Ungerechtigkeit der kapitalistischen Ordnung aufzuzeigen. Die Worte des Vaters sind von einer gewissen Zynik geprägt, die die Verlogenheit der bürgerlichen Moralvorstellungen entlarvt. Der scheinbare Rat des Vaters zur Erlangung von Glück und Ruhm entpuppt sich als eine Anleitung zur Selbstbereicherung auf Kosten anderer.
Die letzten Verse des Gedichts sind von einer noch größeren Aggressivität und Verachtung geprägt. Der Sohn wird aufgefordert, sich das Eigentum und den Geist anderer anzueignen und sich so einen Platz an der Spitze der Gesellschaft zu verschaffen. Die abschließende Aussage, dass Gott dies lohnen werde, ist eine ironische Verdrehung religiöser Werte, die die Heuchelei der Gesellschaft noch deutlicher macht. Mühsam wendet sich gegen die etablierten sozialen Strukturen und Werte. Die „Erziehung“ ist somit eine brillante, wenn auch düstere, Satire auf die kapitalistische Gesellschaft, in der die Werte wie Ehrlichkeit, Anstand und Mitgefühl keinen Platz mehr haben. Die Anweisungen des Vaters sind letztendlich eine Anleitung zum sozialen Aufstieg durch Betrug und Ausbeutung.
Weitere Informationen
Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.
Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.
