Erziehung

Erich Kurt Mühsam

unknown

Der Vater zu dem Sohne spricht: Zum Herz- und Seelengleichgewicht, zur inneren Zufriedenheit und äußeren Behaglichkeit und zur geregelten Verdauung bedarf es einer Weltanschauung. Mein Sohn, du bist nun alt genug. Das Leben macht den Menschen klug, die Klugheit macht den Menschen reich, der Reichtum macht uns Herrschern gleich, und herrschen juckt uns in den Knöcheln vom Kindesbein bis zum Verröcheln. Und sprichst du: Vater, es ist schwer. Wo nehm ich Geld und Reichtum her? So merk: Sei deines Nächsten Gast! Pump von ihm, was du nötig hast. Sei′s selbst sein letzter Kerzenstumpen - besinn dich nicht, auch den zu pumpen. Vom Pumpen lebt die ganze Welt. Glück ist und Ruhm auf Pump gestellt. Der Reiche pumpt den Armen aus, vom Armen pumpt auch noch die Laus, und drängst du dich nicht früh zur Krippe, das Fell zieht man dir vom Gerippe. Drum pump, mein Sohn, und pumpe dreist! Pump anderer Ehr, pump anderer Geist. Was andere schufen, nenne dein! Was andere haben, steck dir ein! Greif zu, greif zu! Gott wird′s dir lohnen. Hoch wirst du ob der Menschheit thronen!

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Erziehung

Interpretation

Das Gedicht "Erziehung" von Erich Kurt Mühsam kritisiert scharf die materialistischen und ausbeuterischen Werte, die in der Gesellschaft vermittelt werden. Der Vater lehrt seinen Sohn, dass der Schlüssel zum Erfolg und zur Zufriedenheit im Streben nach Reichtum und Macht liegt. Er suggeriert, dass Intelligenz und Reichtum einen Menschen den Herrschenden gleichstellen und dass das Streben nach Macht angeboren ist. Diese Erziehung zielt darauf ab, den Sohn zu einem rücksichtslosen Ausbeuter zu formen, der andere für seinen eigenen Vorteil nutzt. Der Vater gibt seinem Sohn praktische Ratschläge, wie er seinen Reichtum und seine Macht erlangen kann. Er ermutigt ihn, von anderen zu nehmen, was er braucht, ohne Rücksicht auf deren Bedürfnisse oder Besitz. Diese "Pumpmentalität" wird als normal und notwendig für das Überleben und den Erfolg in der Gesellschaft dargestellt. Der Vater vermittelt seinem Sohn, dass Ausbeutung und Selbstbereicherung die Grundprinzipien des Lebens sind und dass man, wer sich nicht frühzeitig anpasst, selbst zum Opfer wird. Das Gedicht endet mit einer ironischen Wendung, bei der der Vater seinem Sohn verspricht, dass Gott ihn für sein rücksichtsloses Verhalten belohnen wird. Dies unterstreicht die Kritik an der Heuchelei und den falschen Werten, die in der Gesellschaft vorherrschen. Mühsam verwendet das Gedicht, um die materialistischen und ausbeuterischen Tendenzen der Gesellschaft zu entlarven und den Leser zum Nachdenken über die wahren Werte des Lebens anzuregen.

Schlüsselwörter

pump macht vater sohn menschen reichtum pumpen pumpt

Wortwolke

Wortwolke zu Erziehung

Stilmittel

Alliteration
Zum Herz- und Seelengleichgewicht
Hyperbel
Und herrschen juckt uns in den Knöcheln vom Kindesbein bis zum Verröcheln
Imperativ
Drum pump, mein Sohn, und pumpe dreist!
Metapher
Hoch wirst du ob der Menschheit thronen
Personifikation
Das Leben macht den Menschen klug
Rhetorische Frage
Wo nehm ich Geld und Reichtum her?
Wiederholung
Pump von ihm, was du nötig hast