Erwin von Steinbach
1897»Dank dir, Ew′ger! Meine Sendung Auf der Erde ward vollbracht; Denn in herrlicher Vollendung Strahlt das Werk, das ich erdacht, Um den ungebornen Jahren Künft′ger Zeit zu offenbaren, Daß ich nicht umsonst gelebt.« Erwin also vor dem Münster, Der zum Abendhimmel finster Seine Riesenmauern hebt.
Ueber den gewalt′gen Zinnen Steigt der Mond ins Aetherblau; Und noch lang in tiefem Sinnen Steht der Meister vor dem Bau, Während um ihn, stumm und stummer, Schon die Welt in sanften Schlummer Ihre kleinen Sorgen wiegt Und auf ihren Menschenzwergen Von dem Turme, hoch gleich Bergen, Der erhabne Schatten liegt.
Da, so wie im Jugendschwunge Dichterlippen zum Gesang, Hebt des Domes Glockenzunge Sich zum ersten Feierklang; Schallend öffnet am Portale Sich das Thor der Kathedrale, Und von innen dröhnt ein Ruf; Wohl versteht der Greis die Mahnung, Und er tritt mit ernster Ahnung In die Welt, die er erschuf.
Festlich grüßen ihn die hehren Hallen mit dem mächt′gen Chor, Von den prangenden Altären Wallt der Myrrhenrauch empor; Mystisch aus der Fensterrose Sieht er durch die grenzenlose Wölbung einen Schimmer glühn, Sieht ihn droben von den Knäufen Der gewalt′gen Säulen träufen, Hier in den Kapellen blühn.
Und ihm ist, zu allen Seiten Rege sich der Bau um ihn, Wo die eh′rnen, langgereihten Bilder in den Nischen knien; Seltsam flimmert′s an den Wänden; Die Apostel in den Blenden Oeffnen ihr geweihtes Buch, Und von Jungfraun, die zum Segen Ihre Lippen sanft bewegen, Hört er rings den Atemzug.
Horch! und von den Höhn des Domes Quillt herab der Orgelklang, Wallt und flutet mächt′gen Stromes Durch den Strebebogengang; Und aus allen Schiffen brechen, Wie das Meer in tausend Bächen Ueber seine Dämme braust, Echoreiche Katarakten, Deren Fall an den gezackten Pfeilern in die Tiefe saust.
Erwin kniet, ein stummer Beter, Und hernieder durch das Dach Strömt auf ihn ein Sonnenäther Heller als der Erdentag; Durch die hohen Säulenlauben Schweben weiße Gottestauben Und beschwingte Seraphim, Und ein Rauschen heil′ger Palmen Und Gesang von Himmelspsalmen Wogt und flutet über ihm.
»Meister, Meister!« - tönt′s im Chore - »Tritt aus der, die du gebaut, In die himmlische Empore, Die du oft im Traum geschaut! Durch die Reihn der lichtumwallten Vierundzwanzig hehren Alten, Wo die sieben Fackeln lohn, Durch die Halle, jaspissäulig, Und das Heilig, heilig, heilig, Folg′ uns nun zu Gottes Thron!«
Also rauscht es im Chorale Durch die nächt′ge Wunderwelt; Aber als mit erstem Strahle In den Dom der Morgen fällt: An dem Pfeiler da, nach oben Betend noch den Blick erhoben, Liegt der greise Meister tot, Und der Tempel der Gesänge Schickt die letzten Orgelklänge Sterbend in das Morgenrot.
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Interpretation
Das Gedicht "Erwin von Steinbach" von Adolf Friedrich Graf von Schack beschreibt die Vollendung des Straßburger Münsters und den Tod des Baumeisters Erwin von Steinbach. Das Gedicht ist in fünf Strophen unterteilt, die jeweils einen Teil der Handlung erzählen. Die erste Strophe beschreibt, wie Erwin von Steinbach vor dem Münster steht und dankbar für die Vollendung des Werks ist, das er sich vorgestellt hat. Er ist überzeugt, dass er nicht umsonst gelebt hat, da das Werk zukünftigen Generationen offenbaren wird, was er erreicht hat. Die zweite Strophe beschreibt die Szene, als der Mond über den Zinnen des Münsters aufgeht und der Meister tief in Gedanken versunken vor dem Bau steht. Die Welt um ihn herum schläft friedlich, während der Schatten des Turms auf die Menschen fällt. Die dritte Strophe beschreibt, wie die Glocke des Münsters zum ersten Mal läutet und sich das Tor der Kathedrale öffnet. Der alte Meister versteht die Mahnung und tritt in die Welt ein, die er geschaffen hat. Die vierte Strophe beschreibt, wie der Meister von den prächtigen Hallen, Altären und Fenstern des Münsters begrüßt wird. Er fühlt sich von der Schönheit und dem Glanz des Gebäudes überwältigt und sieht, wie sich der Bau um ihn herum regt. Die fünfte Strophe beschreibt, wie der Meister von einem Chor begrüßt wird, der ihn auffordert, aus der Welt, die er geschaffen hat, in die himmlische Empore zu treten. Als der Morgen anbricht, liegt der alte Meister tot am Pfeiler, während die letzten Orgelklänge in das Morgenrot schicken.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Strahlt das Werk, das ich erdacht
- Bildsprache
- Das Heilig, heilig, heilig folgt zu Gottes Thron
- Hyperbel
- Das Meer in tausend Bächen über seine Dämme braust
- Metapher
- Der Meister tritt in die Welt, die er erschuf
- Personifikation
- Der Tempel der Gesänge schickt die letzten Orgelklänge
- Symbolik
- Die Seraphim als Symbole für die höchsten Engel