Erwartung
1790Am Fenster saß der Ritter Schon um den achten Tag; Auf seinem Herzen doppelt Die Qual des Kerkers lag.
Die Taube war entflohen Und war nicht mehr gekehrt, Wie auch nach ihrem Kommen Des Ritters Herz begehrt.
Was ist mit ihr geschehen, Daß sie so lange weilt? Hat sie auf ihrem Fluge Des Jägers Pfeil ereilt?
Hat ihr ein Vogelsteller Ein trüglich Netz gestellt? Verrath ist nimmer müßig, Voll Arglist ist die Welt!
»Ist denn mein Liebchen gestorben? Dann wehe meiner Noth! War sie doch, als wir schieden, Wie eine Rose roth! –«
Wie, oder zieht die Taube Nun einen neuen Flug? Trägt Botschaft sie nun Andern Wie sie zu mir sie trug? –«
»Dann stürzt zusammen, Mauern, Und decket mein Gebein! Dann nimm in deine Wogen Mich auf, du alter Rhein! –«
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Interpretation
Das Gedicht "Erwartung" von Joseph Christian von Zedlitz erzählt von einem Ritter, der seit acht Tagen am Fenster sitzt und auf eine Taube wartet, die ihm einst als Bote diente. Die Taube ist entflohen und nicht zurückgekehrt, was den Ritter in tiefe Sorge versetzt. Er fragt sich, was mit ihr geschehen sein könnte – ob sie auf ihrem Flug von einem Jägers Pfeil getroffen wurde oder von einem Vogelsteller in ein trügerisches Netz geriet. Die Welt erscheint ihm voller Arglist und Verrat, was seine Angst und Verzweiflung verstärkt. Der Ritter sinnt darüber nach, ob seine Geliebte, symbolisiert durch die Taube, gestorben sein könnte. Er erinnert sich an ihre Schönheit und Vergleicht sie mit einer roten Rose, als sie sich trennten. Die Unsicherheit über ihr Schicksal treibt ihn fast in den Wahnsinn. Er fragt sich, ob die Taube vielleicht einen neuen Flug unternimmt und ihre Botschaft nun an andere weitergibt, anstatt zu ihm zurückzukehren. Diese Möglichkeit verstärkt seinen Schmerz und seine Einsamkeit. Am Ende des Gedichts erreicht der Ritter den Höhepunkt seiner Verzweiflung. Er wünscht sich, dass die Mauern einstürzen und sein Grab bedecken mögen, oder dass der Rhein ihn in seine Fluten aufnehmen möge. Diese drastischen Wünsche verdeutlichen die tiefe Hoffnungslosigkeit und den emotionalen Zusammenbruch des Ritters. Das Gedicht vermittelt eindringlich die Qual der ungewissen Erwartung und die zerstörerische Kraft der Sehnsucht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Hat sie auf ihrem Fluge / Des Jägers Pfeil ereilt? / Hat ihr ein Vogelsteller / Ein trüglich Netz gestellt?
- Bildsprache
- Wie eine Rose roth
- Metapher
- Die Taube war entflohen
- Personifikation
- Verrath ist nimmer müßig
- Vergleich
- War sie doch, als wir schieden, Wie eine Rose roth!