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Erwartung

Von

Aus dem meergrünen Teiche
neben der roten Villa
unter der toten Eiche
scheint der Mond.

Wo ihr dunkles Abbild
durch das Wasser greift,
steht ein Mann und streift
einen Ring von seiner Hand.

Drei Opale blinken;
durch die bleichen Steine
schwimmen rot und grüne
Funken und versinken.

Und er küßt sie, und
seine Augen leuchten
wie der meergrüne Grund:
ein Fenster tut sich auf.

Aus der roten Villa
neben der toten Eiche
winkt ihm eine bleiche
Frauenhand…

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Gedicht: Erwartung von Richard Dehmel

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Erwartung“ von Richard Dehmel evoziert in vier Strophen eine Atmosphäre von stiller Sehnsucht und unheilvoller Vorahnung. Das Gedicht versetzt den Leser in eine Szenerie, die von der Natur und der Architektur geprägt ist. Die Farbgebung spielt eine wichtige Rolle: „meergrün“, „rot“, „bleich“ und die „rot und grüne“ Funken der Opale schaffen eine dichte und suggestive Bildsprache, die sowohl Schönheit als auch Verfall andeutet. Der Kontrast zwischen dem Leben im Meer und dem Tod in der Eiche und der blassen Frauenhand unterstreicht die dualistische Natur der Erwartung – die Spannung zwischen Hoffnung und drohendem Verlust.

Das zentrale Bild ist die Abnahme des Rings, die durch die „drei Opale“ visualisiert wird. Der Ring symbolisiert in diesem Kontext eine Bindung, möglicherweise eine Ehe oder eine geliebte Person. Das Ablegen des Rings, verbunden mit dem Küssen, lässt auf eine Trennung, eine Loslösung oder vielleicht auch auf eine Opferbereitschaft schließen. Die funkelnden Farben der Opale, die „versinken“, deuten auf das Vergehen und die Vergänglichkeit hin, was die emotionale Tiefe des Geschehens unterstreicht. Die Mondschein, der sich im Wasser spiegelt, verstärkt die surreale und melancholische Stimmung.

Die letzte Strophe kulminiert in einer Erwartung, die sich im Blick der Frau verdichtet. Das Öffnen des Fensters in der roten Villa, dem Ort der Begegnung, und das Winken der „bleichen Frauenhand“ stellen eine Antwort oder eine Konsequenz auf das, was zuvor geschah, dar. Diese finale Geste verstärkt die Atmosphäre der Melancholie und lässt den Leser im Ungewissen, ob es sich um einen Neuanfang, ein Wiedersehen oder einen endgültigen Abschied handelt. Die „bleiche“ Hand lässt zudem auf eine Krankheit, Kummer oder gar Tod schließen.

Insgesamt ist „Erwartung“ ein Gedicht, das mit seinen suggestiven Bildern und dem geschickten Einsatz von Farben und Symbolen eine beklemmende und zugleich fesselnde Stimmung erzeugt. Dehmel schafft es, eine Geschichte der Sehnsucht, des Verlusts und der Erwartung in knappen Worten zu erzählen. Die offenen Fragen, die das Gedicht aufwirft, laden den Leser dazu ein, über die Bedeutung der gezeigten Szenen und Emotionen nachzudenken. Die Natur, die Farben, die Architektur und die menschlichen Gesten verschmelzen zu einem komplexen Gewebe, das die Tragweite der Erwartung auf eindrucksvolle Weise einfängt.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.