Erwachen bei der Geliebten

Otfried Krzyzanowski

1886

Die Holde schläft: zu früh bin ich erwacht: Ein Wort ist süß und gelte diese Nacht. Ich wird’ es heute nicht, nicht morgen tun Doch irgendwann und selig kann ich ruhn. Ich töte dich.

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Illustration zu Erwachen bei der Geliebten

Interpretation

Das Gedicht "Erwachen bei der Geliebten" von Otfried Krzyzanowski beschreibt die ambivalente Gefühlslage des lyrischen Ichs, das frühmorgens bei seiner schlafenden Geliebten erwacht. Einerseits empfindet es eine tiefe Zuneigung und Zärtlichkeit, wie das "süße Wort" und die Vorfreude auf zukünftiges Glück zeigen. Andererseits liegt eine unterschwellige Bedrohung in der Luft, die sich im verstörenden Schlussvers "Ich töte dich" verdichtet. Das Gedicht spielt mit den Gegensätzen von Liebe und Gewalt, Leben und Tod. Die schlafende Geliebte erscheint als schutzlos und verletzlich, was beim lyrischen Ich sowohl beschützerische als auch zerstörerische Impulse auslöst. Die Ambivalenz der Gefühle wird durch den unklaren Zeitrahmen verstärkt - das "süße Wort" wird weder heute noch morgen gesagt, sondern irgendwann in der Zukunft, wenn das lyrische Ich "selig ruhn" kann. Dies deutet auf einen unausweichlichen, tragischen Ausgang hin. Insgesamt vermittelt das Gedicht eine beklemmende Atmosphäre der latenten Gefahr und des unausweichlichen Schicksals. Die ambivalente Gefühlslage des lyrischen Ichs zwischen Liebe und Zerstörungswunsch, Zärtlichkeit und Gewaltphantasien macht den unheimlichen Reiz des Gedichts aus. Die Schönheit der schlafenden Geliebten wird zur Projektionsfläche für dunkle, zerstörerische Impulse, die sich im verstörenden Schlussvers Bahn brechen.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Anapher
Ich wird' es heute nicht, nicht morgen tun
Enjambement
Ein Wort ist süß und gelte diese Nacht
Metapher
Die Holde schläft
Paradox
Ich töte dich