Erste Sonne

Hermann Conradi

1911

Wie gerne lass′ ich von der ersten Sonne Mich bescheinen! – Wenn der Januar Mit seiner Atemzüge Eishauch wich Wenn in der Monde Schnur die zweite Perle Sich übertropfen läßt von Goldreflexen Der Winternebel Vorhang in zwei Stücke Geborsten ist … und ihrer Gnaden Truhe Nach träumerischer Rast die Sonne leert Den ganzen Köcher ihrer funkelnden Pfeile: Wie gerne lass′ ich mich von dieser Sonne, Von dieser Sonne sanft verkühltem Licht Bescheinen! Leise kommt auf leichten Sohlen Ein Sinnen über mich … ein dunkles Suchen Und doch, wie so klar und wunschlos still … All′ Winterunrast hab′ ich abgetan Als schritte ich auf Wolken, treib′ ich hin … Die Augen halb geschlossen … seltsam müde Und an den Sonnenstrahl, der mich berührt … Leise, ganz leise meine Wange streift, Möcht′ ich mich lehnen … und in seiner Goldspur Verdämmern lassen meiner Seele Leben …

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Illustration zu Erste Sonne

Interpretation

Das Gedicht "Erste Sonne" von Hermann Conradi beschreibt die Sehnsucht des lyrischen Ichs nach der ersten Sonne im Januar, die den Winternebel vertreibt und ihre "funkelnden Pfeile" auf die Erde schießt. Das Ich lässt sich gerne von diesem sanften, aber kühlenden Licht bescheinen und versinkt in eine Stimmung des Sinnen und Suchens. Die Winterunrast fällt von ihm ab, und er fühlt sich leicht und schwerelos wie auf Wolken. Die zweite Strophe setzt die Beschreibung dieser Stimmung fort. Das Ich ist seltsam müde und möchte sich an den Sonnenstrahl lehnen, der seine Wange streift. Es möchte in der "Goldspur" der Sonne sein Seelenleben versinken lassen und in einen Zustand des Dahindämmerns eintreten. Das Gedicht vermittelt eine Atmosphäre von Ruhe, Geborgenheit und Entschleunigung, in der das Ich die Sorgen des Alltags hinter sich lässt und sich ganz auf die wärmenden Strahlen der ersten Sonne konzentriert.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Metapher
und in seiner Goldspur Verdämmern lassen meiner Seele Leben
Personifikation
Leise kommt auf leichten Sohlen Ein Sinnen über mich