Ernste Mahnung
1865Deine lachenden Augen ruhen auf mir Sonnenscheinwarm und trösten mein Herz; Dein kleines Grübchen der rechten Wange Macht lustig mein Herz, denk ich blos seiner; Dein rascher Schritt belebt mein Auge Und spendet Flügel meinen Gedanken; Dein Schelmenkinn dünkt mich so witzig Wie zehn französische Komödien Und dreißigtausend urgermanische; Deiner Lippen geschwungener Liebesbogen Jagt Kußwild auf in meinem Herzen (Ich denke du findest das Bildchen zierlich!) Und wenn du sprichst, schwillt auf mein Fühlen; Dann bin ich selig ganz, ganz selig, Die Engel im Himmel dann hör ich ja singen! Aber nur eins, mein Mauserl, bitte, Eins vermeide - es macht nervös mich -, Sprich mir nicht das Hauptwort “Heirat”. Dieses Hauptwort klingt so ledern, Wie ein ganzer Leitartikel, Und ich hasse sehr dergleichen.
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Interpretation
Das Gedicht "Ernste Mahnung" von Otto Julius Bierbaum beschreibt die leidenschaftliche Bewunderung des lyrischen Ichs für eine Frau, deren äußere Erscheinung und Verhalten eine tiefe emotionale Wirkung auf ihn ausüben. In lebendigen und oft humorvollen Bildern werden ihre Augen, ihr Lächeln, ihre Bewegungen und ihre Art zu sprechen als Quellen der Freude und Inspiration dargestellt. Das Gedicht vermittelt eine fast überwältigende Begeisterung, die bis zur Verklärung reicht, wobei selbst alltägliche Gesten wie ein Lächeln oder ein Schritt zu etwas Magischem erhoben werden. Doch hinter dieser Huldigung verbirgt sich eine klare Warnung: Das lyrische Ich bittet die Angebetete, das Wort "Heirat" zu vermeiden. Dieses Wort wird als schwer, unromantisch und lähmend empfunden, vergleichbar mit einem trockenen Leitartikel, der die Leichtigkeit und den Zauber der momentanen Beziehung zerstören würde. Die Ablehnung der Ehe ist weniger als Kritik an der Institution selbst zu verstehen, sondern vielmehr als Schutzmechanismus, um die unbeschwerte und idealisierte Natur der Liebe zu bewahren. Das Gedicht thematisiert somit die Spannung zwischen romantischer Verliebtheit und den gesellschaftlichen Erwartungen, die mit einer verbindlichen Bindung einhergehen. Bierbaums Sprache ist dabei sowohl sinnlich als auch ironisch, was dem Gedicht eine besondere Leichtigkeit verleiht. Die Übertreibung in der Beschreibung der Frau und die humorvolle Gegenüberstellung von zehn französischen Komödien und dreißigtausend urgermanischen unterstreichen die spielerische Natur des Textes. Gleichzeitig offenbart die "ernste Mahnung" eine tiefere Unsicherheit des lyrischen Ichs, das die Gefahr erkennt, dass die Realität der Ehe die romantische Illusion zerstören könnte.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- dünkt mich so witzig / Wie zehn französische Komödien
- Hyperbel
- Dein rascher Schritt belebt mein Auge / Und spendet Flügel meinen Gedanken
- Metapher
- dergleichen
- Personifikation
- Die Engel im Himmel dann hör ich ja singen
- Vergleich
- Wie ein ganzer Leitartikel