Ermunterung
1739Auf, mein Geist, in freie Luft Aus dem Angstgedränge! Diese dunkle Todtengruft Ist dir viel zu enge! Du bist frei! Sklaverei, Kerker, Zwang und Bande Sind des Geistes Schande.
Eines Christen Geist durchdringt Dicke Felsenquader; Fessellos und leicht geschwingt Hebt er sich zum Vater. Gottes Hauch Bist du auch! Soll Jehovah′s Hauchen Hier in Angst verrauchen?
Sieh das blaue Sternenfeld Wogigt um dich fliessen; Sieh den Mond, und sieh die Welt Unter deinen Füßen. Sieh das Licht! Funkeln nicht Deines Gottes Wunder Ueberall herunter?
Sieh die ungeheure Zahl: Thiere, Seelen, Geister Stehn, und preisen überall Ihren Gott und Meister. Staub und Stern Singt dem Herrn; Seele kannst du schweigen Unter so viel Zeugen?
Schwache Seele, willst du nur Mit dem Schöpfer zanken? Heb dich über die Natur, Lern für′s Elend danken, Unter Zucht Wächst die Frucht, Reift der Geist zu Freuden Wahrer Seligkeiten.
Siehst du am krystallnen Meer, Dort die Schaar der Frommen? Aus der großen Drangsal her Ist die Schaar gekommen? O wie preist Nun ihr Geist Gott für kurze Plagen, Die sie hier getragen.
Drum, mein Geist, laß keine Noth Dich zur Kleinmuth bringen; Sey nur treu bis in den Tod, Dann wird dir′s gelingen, Daß du noch Christi Joch Sanft und rettend heissest, Und den Vater preisest.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Ermunterung" von Christian Friedrich Daniel Schubart ist ein geistliches Werk, das den menschlichen Geist dazu ermutigt, sich von den Fesseln der Angst und der irdischen Sorgen zu befreien. Der Dichter ruft den Geist auf, in die "freie Luft" zu steigen und die Enge der "dunklen Todtengruft" hinter sich zu lassen. Er betont die Freiheit des Geistes und verurteilt Sklaverei, Kerker, Zwang und Bande als Schande für den Geist. Im zweiten Teil des Gedichts wird die Kraft des christlichen Geistes hervorgehoben, der in der Lage ist, "dicke Felsenquader" zu durchdringen und sich zum Vater zu erheben. Der Dichter erinnert daran, dass der Geist ein Hauch Gottes ist und nicht in Angst vergehen sollte. Er lädt den Leser ein, die Schönheit der Schöpfung zu betrachten, einschließlich des Sternenfeldes, des Mondes und der Welt unter den Füßen, und die Wunder Gottes überall zu erkennen. Im dritten Teil des Gedichts wird die ungeheure Zahl von Tieren, Seelen und Geistern erwähnt, die ihren Gott und Meister preisen. Der Dichter fragt, ob die Seele inmitten so vieler Zeugen schweigen kann. Er ermutigt die schwache Seele, sich nicht mit dem Schöpfer zu zanken, sondern sich über die Natur zu erheben und für das Elend zu danken. Der Dichter betont, dass unter Zucht die Frucht wächst und der Geist zu wahren Freuden reift. Im letzten Teil des Gedichts wird die Schar der Frommen am kristallenen Meer erwähnt, die aus großer Drangsal gekommen ist. Der Dichter ermutigt den Geist, sich nicht durch Not zur Kleinmütigkeit bringen zu lassen, sondern bis in den Tod treu zu bleiben. Er verspricht, dass der Geist dann in der Lage sein wird, Christi Joch sanft und rettend zu heißen und den Vater zu preisen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Hyperbel
- Dicke Felsenquader
- Metapher
- Christi Joch
- Personifikation
- Staub und Stern singt dem Herrn