Erinnerung

Ernst Wilhelm Lotz

1917

Ihr steht so da: Ich lebte schon einmal und war ein andrer. Harte Farben flossen um meine Brust und spannten herrisch prall. Euch grüßte ich als meines Herrentums Genossen.

Waren wir junge Prinzen nicht vor Zeiten? Die Straße sah uns federnd leicht im Gang, wir ließen sicherschwebend unsre Blicke gleiten und lebten frei in einem fühlsam unsichtbaren Zwang.

Wir waren Wir. – Ich kann es nicht mehr fest begreifen über die Zeit-verwehte Fläche, die uns trennt -: Mir scheint, wir konnten nie uns auf uns selbst versteifen. - Mir träumte stets ein Staunen, daß einer seinen Namen nennt.

Das zaubert traumhaft die zerstobnen Jahre. Ich trete manchmal leise aus mir selbst heraus und schleiche spähend weg, daß ich erfahre: Warum fühl’ ich mich immer noch bei euch zu Haus?

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Erinnerung

Interpretation

Das Gedicht "Erinnerung" von Ernst Wilhelm Lotz handelt von einer tiefen Sehnsucht nach einer vergangenen Zeit und Identität. Der Sprecher fühlt sich, als hätte er schon einmal gelebt und wäre damals ein anderer gewesen. Die harten Farben, die um seine Brust flossen und herrisch prall spannten, symbolisieren eine starke, dominante Persönlichkeit. Der Sprecher grüßt die Anwesenden als Genossen seines Herrentums, was auf eine gemeinsame, möglicherweise aristokratische Vergangenheit hindeutet. In der zweiten Strophe fragt sich der Sprecher, ob sie nicht einst junge Prinzen gewesen seien. Die Straße sah sie federnd leicht im Gang, und ihre Blicke glitten sicher und schwebend. Sie lebten frei in einem fühl-sam unsichtbaren Zwang, was auf eine Zeit hindeutet, in der sie sich ihrer Identität und ihres Platzes in der Welt sicher waren. Der Sprecher betont, dass sie "Wir" waren, was auf eine starke Verbundenheit und Einheit hinweist. In der dritten Strophe drückt der Sprecher seine Unfähigkeit aus, diese vergangene Zeit und Identität vollständig zu begreifen. Die Zeit hat eine verwehte Fläche zwischen ihnen geschaffen, und der Sprecher scheint Schwierigkeiten zu haben, sich auf sich selbst zu versteifen. Er träumt von einem Staunen darüber, dass jemand seinen Namen nennt, was auf eine Entfremdung von der eigenen Identität hindeutet. Das Gedicht endet mit der Frage, warum der Sprecher sich immer noch bei den Anwesenden zu Hause fühlt, was auf eine tiefe emotionale Verbindung und Sehnsucht nach der Vergangenheit schließen lässt.

Schlüsselwörter

selbst steht lebte einmal andrer harte farben flossen

Wortwolke

Wortwolke zu Erinnerung

Stilmittel

Hyperbel
Wir waren Wir
Metapher
das zaubert traumhaft die zerstobnen Jahre
Personifikation
ich trete manchmal leise aus mir selbst heraus