Er tröstet sich wegen seiner Mit-Buhler

Christian Weise

1774

Mein Hertze bist du noch betrübt, Dieweil das Mädgen das dich liebt, Auch andern schöne Blicke gibt? Ach bilde dir durchauß nicht ein, Als woltest du bey ihr allein Der Hahn allzeit im Korbe seyn.

Bedencke es besser was du thust, Und wann du ja die süsse Lust Mit andern Leuten theilen must, So habe doch genug daran, Daß kein Affection-Galan Dir deinen Spaß verwehren kan.

Du bist der beste Bruder nicht, Du hast dein geiles Angesicht Gar offt zu andern hingericht, Darum mein Hertz, was zürnstu viel, Wann dich das Mädgen durch ihr Spiel Mit gleicher Müntze zahlen wil?

Sie nimmt sich warlich noch in acht Wann sie mit andern freundlich lacht Daß sie es nicht zu lose macht, Hergegen du bist so verpicht Auffs liebe Brod und achtest nicht, Ob dich ein ander gleich verspricht.

Kein Mensch hat die beliebte Krafft Der mehr als theuren Jungferschafft Auß ihrer jungen Schos gerafft, Du aber frage deinen Sinn Wo hast du längsten den Gewinn Der angebrannten Keuschheit hin.

Und endlich kriegst du loser Dieb Gleich manchen guten Lungen-Hieb, Hat sie dich doch ein bißgen lieb: Denn sie vertreibt die lange Zeit Mit völliger Zufriedenheit Bey dir und deiner Lustigkeit.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Er tröstet sich wegen seiner Mit-Buhler

Interpretation

Das Gedicht "Er tröstet sich wegen seiner Mit-Buhler" von Christian Weise handelt von einem Mann, der Trost in seiner Eifersucht findet. Er tröstet sich damit, dass auch andere Männer Interesse an seiner Geliebten haben und sie ihnen ebenfalls schöne Blicke schenkt. Er vergleicht sich selbst mit einem Hahn im Korb und fühlt sich nicht allein in seiner Situation. Der Mann erkennt, dass er seine Geliebte nicht für sich allein haben kann und dass er die süße Lust mit anderen Menschen teilen muss. Trotzdem findet er Genugtuung darin, dass kein anderer Galan ihm seinen Spaß verwehren kann. Er akzeptiert die Situation und versucht, das Beste daraus zu machen. Der Mann gesteht sich selbst ein, dass er kein guter Bruder ist und oft sein geiles Gesicht anderen Frauen zugewandt hat. Er fragt sich, warum er sich so sehr aufregt, wenn seine Geliebte ihn durch ihr Spiel mit gleicher Münze bezahlen möchte. Er erkennt, dass sie sich immer noch in Acht nimmt und nicht zu lose wird, während er selbst nur auf das liebe Brot achtet und nicht darauf, ob er von einer anderen Frau versprochen wird.

Schlüsselwörter

andern wann mädgen bey kein hast gleich hertze

Wortwolke

Wortwolke zu Er tröstet sich wegen seiner Mit-Buhler

Stilmittel

Hyperbel
Der mehr als theuren Jungferschafft / Auß ihrer jungen Schos gerafft
Ironie
Kein Mensch hat die beliebte Krafft / Der mehr als theuren Jungferschafft / Auß ihrer jungen Schos gerafft
Metapher
Mein Hertze bist du noch betrübt
Parallelismus
Bedencke es besser was du thust, / Und wann du ja die süsse Lust / Mit andern Leuten theilen must
Personifikation
Daß kein Affection-Galan / Dir deinen Spaß verwehren kan
Rhetorische Frage
Wo hast du längsten den Gewinn / Der angebrannten Keuschheit hin
Vergleich
Der Hahn allzeit im Korbe seyn