Epistel

Adolf Friedrich Graf von Schack

1897

Noch immer huldigst du bei deinen Akten Dem Landrecht oder ähnlichen Materien, Indes ich an den Arve-Katarakten Schon weile, nah dem Zauberland Hesperien. So mahne denn in wohlgemeßnen Takten Dich dieser Brief an die verheißnen Ferien Und locke dich aus deinem Hinterpommern Zur Reise nach Italiens ew′gen Sommern!

Italien! In ew′ger Lust beseligt Liebt dort der Himmel seine Erdenbraut, Nicht wie bei uns, wo bei dem blassen Schneelicht Der eine gähnend auf den andern schaut - So gähnen zwei, aus Konvenienz verehlicht, Schon am Altar sich an, wenn kaum getraut, Und gähnend schleicht die Frau gleich nach der Heirat Zur Küche, zu den Akten der Kanzleirat -

Nein, flammend küßt, verklärt von altem Ruhme, Der Himmel dieses unter allen Ländern Und füllt den Kelch der großen Sonnenblume Mit seinen Strahlen, wie mit Liebespfändern; Der Kaktus sproßt, die Palme und Agrune, Die Oleander glühn und Rhododendren, Und süß, wie aus der Grisi Mund die Arien, Entquillt der Duft den Blüten und Nektarien.

Wohl lieblich ist′s, durch dichter Wälder Schauer, Durch der Cypressen immergrünen Hain, Vorbei zu ziehn an manch antiker Mauer, Wo alter Ruhm zerbröckelt im Gestein; In Träume wiegen wechselnd Lust und Trauer, Die Zwillingsschwestern, deine Seele ein, Indes im Laub Cikaden oder Grillen, Von Tau betrunken, ihre Lieder schrillen.

Und in die Ferne schweift dein Blick! Tief hinten Erglänzt das Meer, das du so oft durchschwammst, Ein Zauberspiegel in des Abends Tinten; Indessen du begeistrungstrunken flammst, Rauscht geisterhaft das Laub der Terebinthen; Der müde Führer aber, rotbewamst, Klopft unbarmherzig auf das arme Maultier, Das träg und keuchend hinschleicht wie ein Faultier.

Jetzt geht es einen Berg hinan; getroster Klimmst du empor zur lang ersehnten Rast, Denn oben winkt als Nachtquartier ein Kloster; Die Brüder grüßen den willkommnen Gast, An dem Portale lockt dich ein bemooster Steinsitz zur Ruhe nach des Tages Last; Auch bringt dir einer von den guten Mönchen Aus ihrem Keller gern ein volles Tönnchen.

Die Sonne senkt sich purpurglüh′nd im Westen, Ein Abendstück von Poussin oder Claude, Und magisch auf den alten Mauerresten Vermählt sich mit der Dämmerung das Rot; Die müde Flur erwacht aus den Siesten, Und gern vergißt man dieser Zeiten Not Und träumt sich in die gute Zeit der Klassiker Bei einem Glas Falerner oder Massiker.

In Schlaf gewiegt dann von der Luft Gelull, Hört man die Lieder, die man schon in Prima Gelesen hat; die Liebe preist Catull, Wenn auch nicht die von Platos Diotima (Denn hierzuland ist solche Liebe null Und paßt nicht für das sonnenheiße Klima); Virgil singt von Alexis die Idylle, Horatius Flaccus sein Beatus ille:

Und freundlich reicht die liebliche Neära Vom besten Cäcuber dir einen Trank (Ein guter Wein; er schmeckt fast wie Madeira;) Mit feur′gem Arm umschlingst du sie zum Dank. Vergessen sind die Schmerzen unsrer Aera, Es webt der Rebe laubiges Gerank Sich fest um euch, und wollustvolles Zittern Bebt in der Zweige immergrünen Gittern.

Die Götter alle siehst du aus der Mythe: Es kommt der Schalk, der flügelschnelle Eros; Du siehst die schaumgeborne Aphrodite Und um sie her Tritonen auf dem Seeroß; Von Rom und Hellas naht die Heldenblüte, Ich nennte gerne hier dir jeden Heros, Doch eignet sich das besser für ein Epos - Die Namen siehe im Cornelius Nepos.

Drauf morgens, dankend noch den guten Wirten, Ziehst du des Wegs, an dem in langen Linien Sich die Cypressen reihen und die Myrten; Du siehst durchs ew′ge Lorbeergrün der Vignen Verglüh′nde Feuer der Campagnahirten Und über Wipfel breitgezweigter Pinien Tief hinten, überstrahlt vom reinsten Aether, Die hehre Kuppel ragen von Sankt Peter.

Tot, sagst du, sei dies Land? O nein! Die Sichel Der Zeit hat noch nicht alles weggemäht! Noch lebt dort, was der Pinsel und der Stichel An ewigen Gedanken ausgesät; Noch blühen Sanzio und der große Michel, Noch sind Petrarcs Sonette nicht verweht; Und immer noch gleicht manche schöne Donna Vittorien, der herrlichen Colonna.

Komm denn von deinem eisumstarrten Pole, Wo schläfrig stets die Sonne steigt und sinkt, Wo ihr (so glauben sie am Kapitole) Talglichte speist und dazu Tinte trinkt! Ein frischer Wind beflügle deine Sohle Zum schönen, fernen Ziele, das dir winkt! Kurz, zieh aus deinem Pommern oder Jütland Mit mir vereint in mein geliebtes Südland!

Fern bis nach Mittag richtend unser Steuer, Betreten wir das himmlische Sizilien; Und dort, nachdem des Aschenberges Feuer Wir grüßten und des Ennathales Lilien, Laß uns dem Dichter, jedem Deutschen teuer, An seinem Grabe halten die Vigilien! O daß dereinst an Galatheas Fluten, Wie ihm, so mir auch die Gebeine ruhten!

Er starb in der geweihten Syracusa (Wohl richt′ger Syrakusä; doch mein Reim Erlaubt es nicht!), wo er den Bienen zusah, Wie sie am Hybla sogen ihren Seim; Und auf Ortygia sang ihm Arethusa Die Seele in die bessern Welten heim; So zog er aus dem Vaterland des Bion Geraden Weges in das ew′ge Zion.

Sanft mag er ruhn im Land der alten Mythen, Und mögen ihm des reinern Südens Lichter Die Asche vor profanen Händen hüten! Noch dort im Grabe, fürcht′ ich, grollt der Dichter, An dem sich schwer versündigten die Scythen: War neben ihm doch sämtliches Gelichter, Das sie an seiner Statt geschmückt mit Glorie, Was neben Mokkakaffee die Cichorie!

So schrieb ich von dem Lande der Gesänge, Wo lauer Wind vom blauen Himmel weht; Und nun genug! Zu sehr schon in die Länge Hat sich mein Brief gedehnt, und es ist spät; Vom Turme hör′ ich sieben Glockenklänge Mich mahnen, daß die Post nach Deutschland geht. Drum lebe wohl! - Geschrieben zu Chamouni, Hôtel de l′univers den zwölften Juni.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Epistel

Interpretation

Das Gedicht "Epistel" von Adolf Friedrich Graf von Schack ist ein leidenschaftliches Plädoyer für die Schönheit und Anziehungskraft Italiens. Der Autor ruft seinen Leser dazu auf, die kalten, tristen Regionen des Nordens zu verlassen und die ewigen Sommer Italiens zu erleben. Er beschreibt Italien als ein Land, in dem der Himmel seine Erdenbraut in ewiger Lust beseligt, im Gegensatz zu den kühlen, unpassionierten Beziehungen im Norden. Die Natur Italiens wird als üppig und lebendig dargestellt, mit blühenden Pflanzen und betörenden Düften. Der zweite Teil des Gedichts führt den Leser auf eine Reise durch die italienische Landschaft. Der Autor beschreibt die Fahrt durch dichte Wälder, vorbei an antiken Ruinen und durch idyllische Dörfer. Er schildert die Ankunft in einem Kloster, wo der müde Reisende Ruhe und Gastfreundschaft findet. Der Abend wird mit einem Glas Wein und Gesprächen über die klassische Literatur verbracht, wobei die Werke von Catull, Vergil und Horaz erwähnt werden. Die Nacht endet in sinnlicher Umarmung mit einer schönen Frau namens Neära. Im letzten Teil des Gedichts betont der Autor die kulturelle und historische Bedeutung Italiens. Er erwähnt die Werke großer Künstler wie Raffael und Michelangelo sowie die Sonette Petrarcas. Der Autor lädt den Leser ein, mit ihm nach Sizilien zu reisen, wo sie das Grab des Dichters Theokrit besuchen können. Das Gedicht endet mit einer Reflexion über den Tod des Dichters und der Hoffnung, dass auch der Autor eines Tages in einem Land der ewigen Schönheit ruhen möge.

Schlüsselwörter

himmel dichter siehst akten indes brief ger lust

Wortwolke

Wortwolke zu Epistel

Stilmittel

Alliteration
Dem Landrecht oder ähnlichen Materien
Anapher
Und gähnend schleicht die Frau gleich nach der Heirat Zur Küche, zu den Akten der Kanzleirat -
Assonanz
Nicht wie bei uns, wo bei dem blassen Schneelicht Der eine gähnend auf den andern schaut -
Bildsprache
Wohl lieblich ist's, durch dichter Wälder Schauer, Durch der Cypressen immergrünen Hain, Vorbei zu ziehn an manch antiker Mauer, Wo alter Ruhm zerbröckelt im Gestein
Enjambement
Und magisch auf den alten Mauerresten Vermählt sich mit der Dämmerung das Rot
Hyperbel
Italien! In ew'ger Lust beseligt Liebt dort der Himmel seine Erdenbraut
Metapher
Ein Zauberspiegel in des Abends Tinten
Personifikation
Die müde Flur erwacht aus den Siesten
Symbolik
Die Sonne senkt sich purpurglüh'nd im Westen
Synästhesie
Die Sonne senkt sich purpurglüh'nd im Westen, Ein Abendstück von Poussin oder Claude
Vergleich
Und süß, wie aus der Grisi Mund die Arien, Entquillt der Duft den Blüten und Nektarien