Epilog
1838Frühlingsluft weht allbelebend! Frühlingsschwalb’ ist heimgereist, Hat, ob Wiens Palästen schwebend, Schon die Kaiserburg umkreist;
Pickt die Spiegelscheibe leise, Da sie einmal schon gepickt, Draus der Kaiser sonst, der greise, Auf sein Volk und sie geblickt.
Doch sie sieht dieß Antlitz nimmer Mit des Munds schalkhaftem Scherz, Mit des Augs gutmüth’gem Schimmer, – Oft doch hart und kalt wie Erz.
Stumm des Jubels Hochgewitter, Dieses Mannes stät Geleit! Stumm doch hinter manchem Gitter Auch das Murren böser Zeit!
Frühlingsschwalbe sei kein Richter, Urthel nicht ihr Frühlingsgruß; Doch sie ist Prophet und Dichter, Der versöhnen, warnen muß.
Zu des Grabgewölbes Hallen, Das des Greises Asche barg, Läßt sie ihre Schwingen wallen, Zu dem ehrnen Kaisersarg.
Frühlingsgruß will sie ihm bringen; Doch, gestreift vom Flügelschlag, Tönt von einem Lenz sein Klingen, Den sie selbst nur ahnen mag.
Nicht der Schlaf des Kaisersprossen, Höh’res heiligt diesen Raum: In dem Katafalk verschlossen Ruht der deutschen Einheit Traum.
Denn in dieses Greises Haaren Lag zuletzt der Reif von Gold, Der die deutschen Fürstenschaaren In Ein Volk verbrüdern sollt’.
Und in diesem ehrnen Bette Schläft der Mann, deß Herz allein Deutschlands Herz war, oder hätte Deutschlands Herz doch sollen sein.
O daß bei den Leichenkerzen Fürsten all im deutschen Land Ueber diesem heil’gen Herzen Sich zum Bund gereicht die Hand!
Laßt in diesem Sarg verschlossen Deutscher Einheit alten Traum; Wahrer Einheit, ihr Genossen, Breitet sich ein größrer Raum!
Denn als Herold mit dem Stabe, Der das Wappenschild zerbrach, An des letzten Kaisers Grabe Ein Jahrtausend stand und sprach:
»Lernt, daß euer Heil geschmiedet An ein einzeln Haupt nicht sei! Daß ihr Schein vom Wesen schiedet, Brach ich das Symbol entzwei.
Um des Reichs Kleinode lodre Nimmer Aachens, Nürnbergs Zank: Stol’ und Gurt im Schreine modre, Karols Degen rost’ im Schrank.
Denn ein schönres Schwert gezogen Hat der freien Männer Hand; Aller Schultern soll umwogen Deutscher Herrlichkeit Gewand.
Euer Hoffen, euer Sehnen Hat kein Einzler ganz vollbracht; Drum euch All will ich belehnen Mit des Reiches Glanz und Macht.
Denn in allen deutschen Adern Flammt der Purpur, der nie bleicht; Eure Herzen sei’n die Quadern Jenes Baus, deß Grund nicht weicht.
Und ihr Alle seid berufen Mitzubau’n am großen Bau, Ihr am Thron, ihr an den Stufen, Ob das Röcklein weiß, ob blau.
Und ihr Priester, Redner, Lehrer, Streut die Saat mit kluger Hand, Pflanzt, des Reiches wahre Mehrer, Lieb’ und Recht fürs deutsche Land!
Daß die Größen eurer Helden Nie auf deutschen Nacken steh’n, Daß von deutscher Schmach nie melden Eure deutschen Siegstrophä’n.
Daß nicht Krämerellen messen, Was ein großes Herz nur mißt; Und nicht Fürsten leicht vergessen, Was ihr Bürger schwer vergißt;
Nicht den Wandrer Pfahl und Schranke, Wie so klein die Ländchen, mahnt, Daß sein einiger Gedanke: Wie so groß das deutsche Land.
Daß wo euch der Glauben schiede, Euch vereine Deutschlands Schild; So verschmilzt ein Liebesfriede Blond und Schwarz, und Streng und Mild.
Daß der Baum der freien Rede Frucht im Nord und Süden bringt; Rheingott nicht bedroht mit Fehde, Was die Donaunymphe singt.
Bund und Eintracht erst vereine Eure tausend Schulzen fein, Dann ein Leichtes wird’s, ich meine, Mit den dreißig Fürsten sein.« –
Doch zur Gruft hinab selbst dringen Frühlingsstimmen, Frühlingsduft; Wundervolle Lieder klingen Grüßend, hoffend durch die Luft.
Doch auch niegehörte Töne Jauchzt ein kühn’res Sanggeschlecht; Das ist eben Frühlings Schöne! Freiheit ist des Lenzes Recht.
Schwalbe sagt Lebwohl dem Todten, Schwingt sich in das Blau hinein; Wo es lenzt, wird sie entboten, Mit dem Frühling muß sie sein.
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Interpretation
Das Gedicht "Epilog" von Anastasius Grün ist eine poetische Reflexion über die deutsche Einheit und die Rolle des Volkes in der Gestaltung der Nation. Es beginnt mit der Ankunft des Frühlings, symbolisiert durch eine Schwalbe, die über Wien schwebt und die Kaiserburg umkreist. Die Schwalbe, die einst den greisen Kaiser beobachtet hat, sieht ihn nun nicht mehr, da er verstorben ist. Dies deutet auf den Übergang von einer monarchischen Herrschaft zu einer neuen Ära hin. Das Gedicht thematisiert den Traum von der deutschen Einheit, der in dem Sarg des verstorbenen Kaisers ruht. Der Kaiser, dessen Herz für Deutschland schlagen sollte, hat den Traum nicht erfüllen können. Das Gedicht fordert die Fürsten auf, sich über dem Herzen des Kaisers zum Bund zu vereinen, um die deutsche Einheit zu verwirklichen. Es betont, dass die wahre Einheit nicht in einem einzigen Herrscher, sondern im kollektiven Handeln des Volkes liegt. Der Herold am Grab des letzten Kaisers verkündet, dass das Heil Deutschlands nicht an einen einzigen Kopf geschmiedet werden kann. Er ruft dazu auf, die Symbole der monarchischen Herrschaft zu brechen und die Verantwortung für das Reich auf die Schultern aller freien Männer zu legen. Das Gedicht endet mit der Schwalbe, die Abschied vom Toten nimmt und in den blauen Himmel aufsteigt, symbolisch für die Freiheit und den Frühling, der kommen muss.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Mit des Munds schalkhaftem Scherz
- Metapher
- Mit dem Frühling muß sie sein
- Personifikation
- Schwalbe sagt Lebwohl dem Todten
- Symbolik
- Spiegelscheibe