Epilog (zur Anthologie Der letzte Ritter)
1808»– Alles in der Welt zergeht, Ausgenommen die Ehr bleibt stät.«Theuerdank.
Im Abendroth glüht herrlich Tyrols Gebirg und Flur, Ein Hochamt hier zu feiern scheint heute die Natur, Als Chor smaragdner Säulen seh’ ich die Berge ragen, Die auf den Silberhäuptern die blaue Kuppel tragen.
Des Stroms, der Quellen Rauschen, Geläut’ und Jubelsang Scheint durch den Dom zu brausen als heiliger Orgelklang Des Gluthgewölkes Purpur als Baldachin zu beben, Und hell als Strahlenhostie der Sonnenball zu schweben.
Gen Innsbrucks blanke Mauern hatt’ ich den Schritt gewandt. Jetzt trat ich in die Kirche, zum heiligen Kreuz genannt, Vor mir stand Maxens Grabmal aus Erz undMarmelstein, Drauf glomm durch farbige Fenster der Abendsonnenschein.
Wohl ruht im fernen Neustadt sein Leib, wie er’s gewollt, Doch frommer Sinn des Enkels hat diesen Bau gezollt Dem Ruhm des letzten Ritters, den eine Kron’ geschmückt, Dem Ruhm des letzten Fürsten, den Rittersinn beglück.
Die Kunst, die mit Begeist’rung und Liebe Max geschirmt, Sie hat zu seinem Denkmal die Säulenschaar gethürmt, Mit Bildern seiner Thaten den Sarkophag umgeben Und so den Tod vermählend, gepaart mit ewigem Leben.
Aus reichen Marmorbrüchen Carrara’s sind geschlagen Die Steine, die als Stufen den Katafalk hier tragen, Voll Ernst und heiliger Milde kniet Maxens Bildniß oben, Und für sein Volk noch betend, hält er die Händ’ erhoben.
Und Helden aller Zeiten und Könige mancher Länder Umstehn im Kreis das Grabmal, gehüllt in Erzgewänder, Noch jetzt voll Kraft und Wohlklang, wie einst ihr Arm und Herz! Erstarrt ist unverwelklich ihr Lorber selbst zu Erz.
Ihr Helden ernster Miene, was hat euch herberufen Zur feierlichen Runde an dieses Denkmals Stufen? Wollt ihr die ewigen Zeugen von Maxens Ruhme sein? O dann entweicht! Er selber ist sich genug allein!
Wollt ihr sein Grabmal schirmen als treue Wächterhut? In seines Volkes Mitte schläft solch ein König gut! Ihr ehernen Hochgestalten, Stamm der Vergangenheit, Wollt ihr Gericht wohl halten ob unsrer neuen Zeit?
Soll ich euch Rede stehen? Soll ich hier Kläger sein? Der Sohn die Mutter schmähen? Laut schwör’ ich’s, nein, o nein! Ans Herz will liebeflammend der Gegenwart ich fliegen, In ihren Zügen schwelgen, in ihren Armen liegen!
Wir lebten schöne Tage, von Ruhm und Glück verklärt, Wir haben edle Fürsten, der ewigen Palme werth! Wir lauschen hohen Sängern im deutschen Liederhain, O würd’ ich werth, zu schreiten dereinst in ihren Reihn!
Und selbst die alte Freiheit, wir sahn’s, wie sie erstand! Zwar war sie längst begraben, lang in den Sarg gebannt, Doch aus den Grabesbanden hat sie sich aufgerafft: Da sie als Geiste erstanden, focht sie mit Geisterkraft!
Sie kämpfte hier auch herrlich in den Tyrolergaun, Da ward zum Schwert die Pflugschar, um Fesseln zu zerhaun, Das Lodenwamms zum Panzer, zur Burg jed’ Halmendach, Der Hirt empfing am Schlachtfeld den heiligen Ritterschlag.
Und Friede ward’s dann, Friede, wie keiner je wird blühn, Weil auch in solchem Kampfe die Erde nie wird glühn. Doch wo sind all’ die Blüthen, die damals sich verjüngt? Wo sind die reichen Früchte, die uns der Friede bringt?
Nur einzeln, sparsam sprießen sie hier und dort hervor, Statt daß ganz Deutschland stünde im vollen Segensflor, Ein Lenz voll üppiger Blüthen, dem Früchte sich vermählen, Ein Herbst voll goldner Früchte, dem auch nicht Blüthen fehlen!
Träg’ unterm Baum des Lebens liegt unsrer Zeit Geschlecht, Halb Schalksnarr und halb Weiser, halb König und halb Knecht; Da liegt und schläft es reglos und scheint sich nur zu regen, Um sich zur andern Seite zu neuem Schlaf zu legen.
Ob’s stürmt, ob’s licht, ganz sorglos, geschützt vom schattigen Baum, So ruht’s und pflückt die Früchte der reichen Aeste kaum, Träg’ über seinem Haupte rollt düstrer Wolkenzug, Und dumpf und langsam klappert der Eulen matter Flug.
Erschallt, Posaunen der Wahrheit, damit es auferwacht! Flammt auf, ihr Sonnen des Lichtes, erhellt die Grabesnacht! Wie die Natur im Lenze am meisten wirkt und schafft, So wirk’ und walt’ im Frieden des Menschen Schöpferkraft!
Begeist’rung, Himmelstochter, lass’ dich zur Erde nieder Und schwing’ ob unsern Häuptern dein siegreich Banner wieder! Bann’ ihn hinweg den Unhold, den Dämon unsrer Zeit, Dieß schläfriglahme Scheusal, genannt Gleichgültigkeit!
Den Dämon mit dem Antlitz aus starrem Stein geprägt, Der träg’ im gleichen Takte die Hände klatschend schlägt, Ob nun der Fürsten Bester dem treuen Volk sich zeige, Ob ein geschminkter Gaukler die Bretterbühn’ besteige!
Ihr edlen deutschen Fürsten, erfaßt mit milder Hand Den Zauberstab, den schönen, Lieb’ und Vertraun genannt! Ein Volk, das für den Fürsten gern Gut und Blut gegeben, Wie könnt’ es jemals dürsten nach seinem Blut und Leben!
Ihr edlen deutschen Völker, laßt uns auf oben baun, Von Thronen und aus Sternen glänz’ uns das Wort: Vertraun! Das Zauberwort, das Herzen zur Opfergluth entzündet, Die Menschen an die Götter, an Fürsten Völker bindet!
Der reichste Baum des Friedens wird herrlich Wurzeln schlagen, Und doppelt fest wird Liebe den Bau der Throne tragen, Durchs Land, von Herz zu Herzen wird Eintracht segnend gehn, Und an des Landes Marken wird Kraft und Treue stehn.
Auf Felder blüht dann Segen, in Städten rauscht der Fleiß, Die Ström’ und Straßen führen der Müh’ und Arbeit Preis, Und drüberhin, als Zeichen der hohen Göttergunst, Wölbt sich der Regenbogen der Wissenschaft und Kunst.
Deß wollen sie uns mahnen, die ehernen Kraftgestalten, Im Dome hier versammelt, ein streng Gericht zu halten; Auf andrer Bahn als ihrer führt uns zwar Ruf und Pflicht, Das Ziel doch bleibt stets Eines: Recht, Seligkeit und Licht!
Und würdig, traun, ist Deutschland des seligsten Geschicks, Und werth bist du vor Allen, o Oestreich, solchen Glücks! Mein Oestreich, dessen Boden ich hochbegeistert küsse, Und das ich, freudigen Stolzes, mein Vaterland begrüße!
Dein Fürstenhaus ist edel und mild, wie keines mehr, Voll Treue, Kraft und Hochsinn ist deiner Völker Heer, Gesegnet, reich vor Allen, ist deiner Gaun Verein, Sollst du nicht glücklich werden, wer sollte sonst es sein?
So rief’s in mir; doch draußen wird’s mählich dunkle Nacht. Wie durch den Dom ein Küster, wenn’s Hochamt ist vollbracht, Die Ampeln löschend wandelt, die noch vom Fest erhellt, So zog ein Nachtgewölke schwarz um der Sternen Zelt.
Doch durch zerriss’ne Wolken bricht jetzt des Mondes Schein Und sieht im Siegesjubel zur Kirche klar herein: Von Glanz stehn Säul’ und Altar und Sarkophag verklärt, Und rings die ehernen Helden mit Zepter, Kranz und Schwert.
Inmitten aber, schimmernd im blanken Mondenstrahl, In Majestät und Milde steht Maxens Trauermal, Er selbst liegt auf den Knieen, die Hände sanft erhoben, Und für sein Volk noch betend, blickt lächelnd er nach oben.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Epilog" von Anastasius Grün ist ein eindringliches Loblied auf die Vergangenheit und eine Mahnung an die Gegenwart. Es beginnt mit einer Beschreibung der majestätischen Landschaft Tirols, die wie eine Naturkathedrale erscheint. Der Dichter betritt die Kirche in Innsbruck, die dem heiligen Kreuz geweiht ist, und betrachtet das Grabmal Kaiser Maximilians I., das von seinem Enkel errichtet wurde. Das Grabmal ist ein beeindruckendes Kunstwerk, das von der Begeisterung und Liebe für Maximilian zeugt. Es zeigt den Kaiser in einer knienden Haltung, die Hände zum Gebet erhoben, und wird von Statuen berühmter Helden und Könige umgeben. Grün nutzt das Grabmal als Ausgangspunkt für eine Reflexion über die Gegenwart. Er kritisiert die Gleichgültigkeit und Trägheit seiner Zeitgenossen, die unter dem "Baum des Lebens" ruhen, ohne die Früchte zu pflücken oder sich für das Gemeinwohl einzusetzen. Der Dichter ruft zur Erweckung auf und fordert Begeisterung, Vertrauen und Einigkeit. Er sieht in den deutschen Fürsten und Völkern das Potenzial für eine blühende Zukunft, wenn sie sich auf die Werte der Vergangenheit besinnen und gemeinsam für Recht, Seligkeit und Licht eintreten. Das Gedicht schließt mit einem Lob auf Österreich und seine Menschen. Grün preist die edle und milde Fürstenhaus, das treue und kraftvolle Volk und den gesegneten Zusammenhalt der österreichischen Gaue. Er ist überzeugt, dass Österreich des Glücks würdig ist und es auch verdient. Das Gedicht endet mit einer Rückkehr zur Beschreibung des Grabmals, das nun im Mondlicht erstrahlt und Maximilian in seiner majestätischen und milden Haltung zeigt. Der Kaiser betet immer noch für sein Volk und blickt lächelnd nach oben, ein Symbol für die ewige Verbindung zwischen Herrscher und Untertanen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Maxens Trauermal schimmert im blanken Mondenstrahl.
- Metapher
- Deutschland als würdig des seligsten Geschicks.
- Personifikation
- Der Mond sieht im Siegesjubel zur Kirche klar herein.
- Rhetorische Frage
- Was hat euch herberufen zur feierlichen Runde an dieses Denkmals Stufen?