Epilog zu Grillparzers »Ottokar.«

Joseph Christian von Zedlitz

1825

Bei der ersten Vorstellung dieses Trauerspiels auf dem k. k. Hofburgtheater zu Wien von dem Regisseur Herrn Koch gesprochen am 19. April 1825.

Das alte Heldenbild, das Eurem Blick Wir heut′ enthüllt, der Strom der Zeit hat längst Auf seinen Wellen es hinabgeführt, Und doch, beseelt zu einem neuen Leben Vom Hauch des Dichters, taucht es aus der Tiefe Der vor′gen Tage wunderthätig auf, Und übt auf Eure Herzen Zauberkraft! Euch selbst ein Räthsel, füllt mit edlem Feuer Es Eure Brust, und Thränen des Gefühls Lockt es Euch in die Augen mild herauf. Soll ich dieß Räthsel lösen, Euch erklären? – Oestreicher seyd Ihr! – Oestreichs Sohn, wie Ihr, Sprach Euch der Dichter in verwandten Tönen! Ein tausendfaches Echo, klang sein Wort In jede heimathliche Brust zurück. Denn seht: die alte Zeit besteht noch fest! Was sie begann, ein unauflöslich Band, Kein Wechsel hat es, kein Geschick getrennt. Es lebt der Stamm des ersten Habsburg noch. Ein Stern des Glücks glänzt er ob unsrem Haupt! Der Dichter sprach nur aus, was jeder glaubt, Die alte Treue lebt, die alte Liebe. Wo wär′ ein Auge, das da trocken bliebe? –

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Epilog zu Grillparzers »Ottokar.«

Interpretation

Das Gedicht "Epilog zu Grillparzers »Ottokar.«" von Joseph Christian von Zedlitz ist ein Nachspiel, das bei der ersten Aufführung von Grillparzers Tragödie "Ottokar" auf dem k. k. Hofburgtheater in Wien am 19. April 1825 von dem Regisseur Herrn Koch gesprochen wurde. Das Gedicht beginnt mit einer Anspielung auf das alte Heldenbild, das dem Publikum heute enthüllt wird. Der Strom der Zeit hat es längst auf seinen Wellen hinabgeführt, doch durch den Hauch des Dichters taucht es wunderthätig aus der Tiefe der vergangenen Tage auf und übt eine Zauberkraft auf die Herzen des Publikums aus. Der Dichter spricht die Zuhörer direkt an und fragt, ob er das Rätsel dieses Phänomens lösen und ihnen erklären soll. Der Dichter erklärt, dass das Publikum aus Österreichern besteht und dass er als Dichter in verwandten Tönen zu ihnen spricht. Das Echo seines Wortes klingt in jede heimatliche Brust zurück. Die alte Zeit besteht noch fest, und was sie begonnen hat, ein unlösbares Band, wurde durch keinen Wechsel oder Geschick getrennt. Der Stamm des ersten Habsburgs lebt noch, und ein Stern des Glücks leuchtet über ihnen. Der Dichter hat nur ausgesprochen, was jeder glaubt: die alte Treue und Liebe leben weiter. Das Gedicht endet mit der Frage, wo ein Auge wäre, das trocken bleiben würde, wenn es diese Worte hört.

Schlüsselwörter

alte ersten zeit räthsel brust sprach dichter kein

Wortwolke

Wortwolke zu Epilog zu Grillparzers »Ottokar.«

Stilmittel

Metapher
Die alte Treue lebt, die alte Liebe
Personifikation
übt auf Eure Herzen Zauberkraft