Epiktet

Christian Fürchtegott Gellert

1731

Verlangst du ein zufriednes Herz: So lern′ die Kunst, dich stoisch zu besiegen, Und glaube fest, daß deine Sinnen trügen. Der Schmerz ist in der That kein Schmerz Und das Vergnügen kein Vergnügen. Sobald du dieses glaubst: so nimmt kein Glück dich ein Und du wirst in der größten Pein Noch allemal zufrieden sein. “Das”, sprichst du, “kann ich schwer verstehen. Ist auch die stolze Weisheit wahr?” Du sollst es gleich bewiesen sehen; Denn Epiktet stellt dir ein Beispiel dar.

Ihn, als er noch ein Sklave war, Schlug einst sein Herr mit einem starken Stabe Zweimal sehr heftig auf das Bein. “Herr”, sprach der Philosoph, “ich bitt′ Ihn, laß Er′s sein, Denn sonst zerschlägt Er mir das Bein.” - “Gut, weil ich dir′s noch nicht zerschlagen habe: So soll es”, rief der Herr, “denn gleich zerschlagen sein.” Und drauf zerschlug er ihm das Bein. Doch Epiktet, anstatt sich zu beklagen, Fing ruhig an: “Da sieht Er′s nun! Hab′ ich′s Ihm nicht gesagt, Er würde mir′s zerschlagen?”

Dies, Mensch, kann Zenos Weisheit thun! Besiege die Natur durch diese starken Gründe. Und willst du stets zufrieden sein: So bilde dir erhaben ein, Lust sei nicht Lust und Pein nicht Pein. “Allein”, sprichst du, “wenn ich das Gegenteil empfinde, Wie kann ich dieser Meinung sein?” Das weiß ich selber nicht; indessen klingt′s doch fein, Trotz der Natur sich stets gelassen sein.

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Illustration zu Epiktet

Interpretation

Das Gedicht "Epiktet" von Christian Fürchtegott Gellert behandelt die stoische Philosophie und deren Anwendung im täglichen Leben. Es beginnt mit der Aufforderung, sich selbst zu besiegen und zu lernen, dass Schmerz und Vergnügen nicht das sind, was sie zu sein scheinen. Der Sprecher behauptet, dass man, sobald man diese Überzeugung annimmt, weder vom Glück noch von der Pein beherrscht wird und immer zufrieden sein kann. Das Gedicht führt dann das Beispiel des stoischen Philosophen Epiktet an, der als Sklave von seinem Herrn brutal behandelt wurde, aber seine Fassung bewahrte und die Situation mit philosophischer Gelassenheit kommentierte. Das Gedicht setzt sich fort, indem es die Worte des Sprechers wiederholt und die Frage aufwirft, wie man einer Meinung sein kann, wenn man das Gegenteil empfindet. Der Sprecher gesteht, dass er es nicht weiß, aber dass es trotzdem "fein klingt", sich stets gelassen zu verhalten, selbst wenn es der Natur widerspricht. Dies deutet darauf hin, dass die stoische Philosophie nicht immer leicht zu praktizieren ist, aber dennoch eine erstrebenswerte Haltung darstellt. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Gedicht die Idee der stoischen Philosophie vermittelt, dass man durch die Kontrolle seiner Wahrnehmungen und Reaktionen auf äußere Ereignisse ein zufriedenes und gelassenes Leben führen kann. Es zeigt, dass diese Philosophie zwar herausfordernd sein kann, aber dennoch eine wertvolle Lebensweise darstellt, die es einem ermöglicht, unabhängig von den Umständen inneren Frieden zu finden.

Schlüsselwörter

kein pein kann herr bein zerschlagen schmerz vergnügen

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Stilmittel

Alliteration
Die Wiederholung des 's'-Lautes in 'stets zufrieden sein' erzeugt einen rhythmischen Effekt.
Anspielung
Das Gedicht bezieht sich auf Epiktet, einen bekannten stoischen Philosophen.
Hyperbel
Die Idee, dass man in der größten Pein zufrieden sein kann, ist eine Übertreibung zur Veranschaulichung der stoischen Lehre.
Ironie
Epiktets ruhige Reaktion auf das Zerschlagen seines Beins ist eine Form der dramatischen Ironie.
Kontrast
Der Kontrast zwischen 'Lust' und 'Pein' hebt die stoische Philosophie hervor.
Metapher
Die 'stolze Weisheit' wird als Metapher für philosophisches Wissen verwendet.
Parallelismus
Die parallele Struktur in 'Lust sei nicht Lust und Pein nicht Pein' verstärkt die Aussage.
Personifikation
Die Natur wird personifiziert, als ob sie besiegt werden könnte.
Rhetorische Frage
Fragen wie 'Ist auch die stolze Weisheit wahr?' regen zum Nachdenken an.
Wiederholung
Die Wiederholung von 'Schmerz' und 'Vergnügen' betont die philosophische Botschaft des Gedichts.