Entworfene Gedanken...
1711menschlichen Lebens und Freudigkeit zum Sterben
Wie nichtig ist ein Menschen–Kind? Wie leicht und flüchtig ist sein Leben? Es eilt hinweg, vergeht, verschwindt! Und ist darzu mit Angst, mit Müh und Noth umgeben. Es ist in dieser Lebens–Zeit; Und wärens auch aus Ophir güldne Stücke, Pracht, Ehre, Hoheit, Ruhm und Glücke, Doch warlich nur ein Nichts, und schnöde Eitelkeit. Das Auge hat es kaum gesehen, So weicht es schon zurück, da wir zugleich vergehen.
Ist einer ja zu Ehr und Glück, Und grosser Würdigkeit gekommen; So währt es einen Augenblick; So bald der Tod erscheint, wird alles weggenommen. Der Tod sieht gar nicht auf Gewalt, Nicht auf Verstand, auf Munterkeit und Jugend, Auf Reichthum, Schönheit, Kunst und Tugend. Nicht auf Geschicklichkeit, auf Stärke und Gestalt, Die Grossen müssen auf der Erden So wohl als Niedrige dereinst sein Opfer werden.
So bald der Herr, der unsre Zeit Und Tage in ein Buch geschrieben, Dem Tode ruft; so wird noch heut Des Leibes fester Bau zerstöhrt und aufgerieben. Hier fällt ein zarter Säugling um; Dort aber muß ein muntrer Jüngling sterben, Hier muß ein Silber–Haupt verderben: Und dort erfährt ein Fürst desselben Zorn und Grim. Hier fällt ein Mann, der Potentaten, Der Kirch und Policey gedient und klug gerathen.
Kein Held, kein König und kein Mann Hat sich noch auf der Welt gefunden, Von dem man würcklich sagen kan: Geht! dieser hat den Tod und seine Macht gebunden. Kein Haupt, so weise als es schien, Vermag doch nicht ein Kraut hervor zu bringen, Das diesen Würger könte zwingen. Vergeblich ist der Witz! umsonst ist das Bemühn! Kein Oel kan uns vom Tode waschen; Wir sind von Staub und Koth, drum werden wir zur Aschen.
Machst du denn keinen Unterscheid, O Tod! in deinem Niederhauen? O nein! es muß die Niedrigkeit, Und auch der hohe Stand dein Reich beständig bauen. Jedoch was geb ich dir, o Tod! Die Schuld, daß du uns aus der Welt wilst hohlen? Der starke Gott hat dirs befohlen, Ach! du vollziehest nur dem Höchsten sein Gebot. Der Leib muß doch einmahl verderben, Es ist der alte Bund; wir müssen alle sterben.
Geliebter Tod! dein Anblick macht Mir nicht das allerkleinste Grauen, Ich habe längst bey mir bedacht: Wenn lässest du mich doch des höchsten Klarheit schauen! Die Welt ist nur ein Marter–Haus; Die Seele wird gedrücket und versuchet, Der Tugend wird auch selbst gefluchet; Drum stösset meine Brust den Seufzer täglich aus: Ich stürbe lieber heut als morgen; So wär ich doch erlößt und frey von allen Sorgen.
Ach! solte nicht ein Wanders–Mann Den Abend–Stern mit Lust erblicken! Die Ruhe will ihn ja alsdann Mit ihrer Süßigkeit und neuer Kraft erquicken. So sehn ich mich auch stets nach dir, Weil deine Hand die Thränen von mir wischet, Und mich nach Schweiß und Müh erfrischet. Ich stelle mir die Lust der Patriarchen für. Ein Kind der Wollust mag dich hassen; Ich lasse mich gar gern in deine Arme fassen.
Ich hab erfahren und gesehn, Daß diese Welt und ihre Rosen Nur unter lauter Dornen stehn: Sie sucht uns mit Betrug und Schmeicheln liebzukosen. Die Welt ist ein Egyptenland, Wo Dienstbarkeit und Last die Schultern quälet, Wo man betrübte Nächte zehlet. Drum komm geliebter Tod! damit mich deine Hand Von dieser Dienstbarkeit befreye, Und mir in Canaan und Salem Ruh verleihe.
Wenn kömmt doch meine Sterbens–Zeit! Wenn kömmt, wenn kömmt Eliä Wagen, Mich zu der höchsten Herrlichkeit, Und zu der Hochzeit–Lust des Lammes hinzutragen! Mein Gott, mir eckelt vor der Welt, Und ihre Lust ist mir zum Abscheu worden. Wenn komm ich doch aus ihren Orden! Wenn werd ich doch einmahl den Engeln zugesellt! Wenn werd ich meinen Heyland sehen, Und in das Paradieß aus dieser Wüste gehen!
Ich seh im Geist und Glauben schon Die Krone meiner Ehre bringen. Ich höre vor des Lammes Thron: Schlaf werthe Freundin ein! Komm! liebe Freundin! singen. Ach! wie vergnügt will ich doch seyn, Wenn mir der Tod mein Ende wird vermelden, So komm ich zu den Glaubens–Helden. Wie gerne geb ich doch hier meinen Willen drein. Nun gute Nacht ihr Eitelkeiten! Ich will mich nur zum Tod und seinen Kampf bereite.
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Interpretation
Das Gedicht "Entworfene Gedanken..." von Sidonia Hedwig Zäunemann ist eine tiefgründige Reflexion über die Vergänglichkeit des Lebens und die Unausweichlichkeit des Todes. Die Autorin beschreibt das menschliche Leben als vergänglich und von Mühen und Sorgen umgeben, unabhängig von Reichtum, Macht oder Schönheit. Sie betont, dass der Tod alle Menschen gleich macht, unabhängig von ihrem Stand oder ihrer Leistung im Leben. Die Autorin entwickelt eine positive Haltung gegenüber dem Tod, den sie als Erlösung aus der "Marter-Haus" Welt sieht. Sie sehnt sich danach, von den Mühen und Sorgen des Lebens befreit zu werden und in die ewige Ruhe einzugehen. Der Tod wird als Freund dargestellt, der Tränen trocknet und nach Mühe und Anstrengung erfrischt. Die Autorin drückt den Wunsch aus, den Heiland zu sehen und ins Paradies einzugehen, wo sie sich den Glaubenshelden anschließen wird. Das Gedicht endet mit einer klaren Abkehr von den Eitelkeiten der Welt und einer Bereitschaft, sich dem Tod und seinem Kampf zu stellen. Die Autorin zeigt eine tiefe spirituelle Überzeugung und die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod, das sie als wesentlich erfüllender und bedeutungsvoller empfindet als ihr gegenwärtiges Dasein.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Wie nichtig ist ein Menschen–Kind? Wie leicht und flüchtig ist sein Leben?
- Anapher
- Wenn kömmt, wenn kömmt Eliä Wagen
- Hyperbel
- Kein Held, kein König und kein Mann Hat sich noch auf der Welt gefunden
- Kontrast
- Hier fällt ein zarter Säugling um; Dort aber muß ein muntrer Jüngling sterben
- Metapher
- Die Welt ist nur ein Marter–Haus; Die Seele wird gedrücket und versuchet
- Parallelismus
- Es ist in dieser Lebens–Zeit; Und wärens auch aus Ophir güldne Stücke
- Personifikation
- Der Tod sieht gar nicht auf Gewalt
- Rhetorische Frage
- Machst du denn keinen Unterscheid, O Tod! in deinem Niederhauen?
- Symbolik
- Der Tod als Erlöser und Wegbereiter zum Paradies
- Vergleich
- Wenn kömmt doch meine Sterbens–Zeit! Wenn kömmt, wenn kömmt Eliä Wagen, Mich zu der höchsten Herrlichkeit