Entschuldigung

Wilhelm Hauff

unknown

Kam einst ein englischer Kapitan Zu Stambul in dem Hafen an, Der wollte nach der langen Fahrt Sich gütlich tun nach seiner Art, Und in Stambuls krummen Gassen Vor den Leuten sich sehen lassen. Hatte auch weit und breit gehört, Wie die Türken so schöne Pferd, Reiche Geschirr und Sättel haben; Wollte auch wie ein Türke traben, Und bestellt auf abends um vier Ein recht feurig arabisch Tier. Ziehet sich an im höchsten Staat, Rotem Rock, mit Gold auf der Naht, Schwärzt den Bart um Wange und Maul Und steigt Punkt vier Uhr auf den Gaul. Drauf, als er reitet durch das Tor, Kam es den Türken komisch vor, Hatten noch keinen Reiter gesehn Wie den englischen Kapitän; Die Knie hatt er hinaufgezogen, Und seinen Rücken krumm gebogen, Die Brust mit den Tressen eingedrückt, Auch den Kopf tief herabgebückt, Saß zu Pferd wie ein armer Schneider. Doch der Schiffskapitän ritt weiter, Glaubte getrost die Türken lachen Aus lauter Bewundrung in ihrer Sprachen. So ritt er bis zum großen Platz, Da macht der Araber einen Satz Und steigt; der englische Kapitän Ergreift des Arabers lange Mähn, Gibt ihm verzweiflungsvoll die Sporen, Und schreit ihm auf englisch in die Ohren; Das Roß den Reiter nicht verstand, Setzt wieder und wirft ihn in den Sand. Die Türken den Rotrock sehr beklagen, Haben ihn auch zu Schiff getragen, Und seinem Dragoman, einem Scioten, Haben sie hoch und streng verboten, Er dürf′s nimmer wieder leiden, Daß der Herr den Araber tät reiten. Als sie verlassen den Kapitan, Befiehlt er gleich dem Dragoman, Ihm auf englisch auszudeuten, Was er gehört von diesen Leuten. Der Grieche spricht: »Es ist nichts weiter, Sie glauben Ihr seid ein schlechter Reiter, Wollen Ihr sollt in Stambuls Gassen Nimmer zu Pferd Euch sehen lassen.« Des hat sich der Kapitän gegrämt Und vor den Türken sehr geschämt. Spricht zum Dragoman: »Geh hinein Und sage den Türken, es kommt vom Wein. Der Herr ist sonst ein guter Reiter, Aber heut an der Tafel, leider, Hat er sich ziemlich im Sekt betrunken, Da ist er im Rausche vom Pferd gesunken.« Der Grieche ging zum Hafentor Und trug den Türken die Sache vor. Doch diese hören ihn schaudernd an: »Wir glaubten Gutes vom roten Mann, Und dachten er sitze schlecht zu Pferd, Weil′s ihn sein Vater nicht besser gelehrt; Aber wie! vom Weine betrunken, Ist er im Rausche vom Pferd gesunken! Pfui dem Giaur und seinem Glas, Allah tue ihm dies und das!« Da sprach ein alter Muselmann: »Glaubt′s nicht Leute, höret mich an, Nicht weil der Frank zu viel getrunken, Ist er schmählich vom Roß gesunken. Hab gleich gedacht es wird so gehn, Als ich ihn habe reiten sehn, Die Knie hoch hinaufgezogen, Den Rücken krumm und schief gebogen, Die Brust mit Tressen eingedrückt, Kopf und Nacken niedergebückt. Denk ich, wenn sein Rößlein scheut, Ihn sein Reiten gewiß gereut. Aber nein, ich will euch sagen, Warum er wollte den Wein verklagen, Und stellt sich lieber als Säufer gar Denn als ein schlechter Reiter dar. Das macht des Menschen Eitelkeit, Die ihn zu Trug und Lug verleit′. Will mancher lieber ein Laster haben, Hätt er nur andere glänzende Gaben; Und mancher lieber eine Sünd gesteht, Eh er eine Lächerlichkeit verrät; Ein dritter will gar zur Hölle fahren, Um sich ein falsch Erröten zu sparen. So auch der fränkische Kapitan, Schämt sich und lügt uns lieber an, Will lieber Säufer sich lassen schelten, Als für einen schlechten Reiter gelten.«

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Illustration zu Entschuldigung

Interpretation

Das Gedicht "Entschuldigung" von Wilhelm Hauff erzählt die Geschichte eines englischen Kapitäns, der in Stambul auf einem arabischen Pferd reitet. Der Kapitän möchte sich nach einer langen Reise erholen und sich in der Stadt zeigen. Er kleidet sich in prächtige Gewänder und versucht, wie ein Türke zu reiten. Doch seine Reitweise ist ungeschickt und lächerlich, was die türkischen Zuschauer amüsant finden. Der Araber wirft den Kapitän schließlich vom Pferd, und dieser wird von den Türken beschämt zurück zu seinem Schiff gebracht. Der Kapitän beauftragt seinen Dragoman, den Türken auszurichten, dass er betrunken gewesen sei und deshalb vom Pferd gefallen sei. Die Türken sind entsetzt über diese Nachricht und verfluchen den "Giaur" (Ungläubigen) und seinen Wein. Ein alter Muselmann erklärt jedoch, dass der Kapitän nicht wegen des Weins gestürzt sei, sondern wegen seiner schlechten Reitkunst. Er stellt fest, dass der Kapitän lieber als Säufer gelten möchte, als als schlechter Reiter. Dies sei ein Beispiel für die Eitelkeit des Menschen, die ihn zu Trug und Lug verleitet. Der Muselmann schließt mit dem Fazit, dass es Menschen gibt, die lieber ein Laster haben möchten, solange sie dafür andere glänzende Gaben besitzen, oder die lieber eine Sünde gestehen, als eine Lächerlichkeit zuzugeben.

Schlüsselwörter

türken pferd reiter lieber will kapitan wollte lassen

Wortwolke

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Stilmittel

Allegorie
Das macht des Menschen Eitelkeit, Die ihn zu Trug und Lug verleit′
Alliteration
Der Herr ist sonst ein guter Reiter
Anapher
Die Knie hoch hinaufgezogen, Den Rücken krumm und schief gebogen, Die Brust mit Tressen eingedrückt, Kopf und Nacken niedergebückt
Hyperbel
Pfui dem Giaur und seinem Glas, Allah tue ihm dies und das!
Ironie
Glaubte getrost die Türken lachen Aus lauter Bewundrung in ihrer Sprachen
Metapher
Und seinen Rücken krumm gebogen
Personifikation
Das Roß den Reiter nicht verstand
Vergleich
Saß zu Pferd wie ein armer Schneider