Enthüllung

Richard Dehmel

1920

Du sollst nicht dulden, daß dein Schmerz dich knechte; du bist so gern vor Freude wild. Komm vor den Spiegel! - Oh, wie schwillt dein düstres Haar, wie lebt dein Bild, wie blüht dein Mund -: als wenn durch Nächte der Blitze bläuliches Geflechte, der Honigduft der roten Disteln quillt! Dein weißes Kleid ist wie zum Hohne mit türkischen Märchenblumen toll durchzackt. Ich träume dich auf schwarzem Throne. Du bis verschleiert bis zur Krone. Doch wärst du keusch wie Magelone, wir Träumer sehen alles nackt!

Gib her, gib her den Trauerschleier, ich reiß ihn lachend dir entzwei! Ich bin dein Einziger, dein Befreier, dein Herr! - Was starrst du so ins Feuer, so schmerzhaft? - O verzeih - verzeih -

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Illustration zu Enthüllung

Interpretation

Das Gedicht "Enthüllung" von Richard Dehmel handelt von einer intensiven emotionalen Begegnung zwischen dem lyrischen Ich und einer Frau, die von Trauer und Schmerz gezeichnet zu sein scheint. Das lyrische Ich ermutigt die Frau, sich im Spiegel zu betrachten und ihre Schönheit zu erkennen, die trotz ihrer Trauer zum Vorschein kommt. Die Bilder von aufgewühltem Haar, blühendem Mund und dem Kleid mit bunten Mustern symbolisieren die Lebendigkeit und Leidenschaft, die unter der Trauer verborgen liegen. Das lyrische Ich träumt von der Frau auf einem schwarzen Thron, was auf eine geheimnisvolle und möglicherweise düstere Seite ihrer Persönlichkeit hindeutet. Die Erwähnung von Magelone, einer keuschen Figur, impliziert, dass die wahre Natur der Frau für den Träumer durchsichtig ist, unabhängig von ihrer äußeren Erscheinung oder ihrem Verhalten. Das lyrische Ich sieht die Frau als wild und leidenschaftlich, im Gegensatz zu ihrer aktuellen, trauernden Erscheinung. Im letzten Versuch, die Frau von ihrem Schmerz zu befreien, fordert das lyrische Ich sie auf, ihren Trauerschleier abzulegen. Es betont seine Rolle als ihr Einziger, Befreier und Herr, was auf eine besitzergreifende und dominante Haltung hindeutet. Die Frau scheint in Gedanken versunken und starrt ins Feuer, was das lyrische Ich als schmerzhaft empfindet. Es bittet um Verzeihung, möglicherweise für seine aufdringliche Art oder für die Intensität seiner Gefühle. Das Gedicht endet mit einer unklaren Situation, die Raum für Interpretation lässt.

Schlüsselwörter

gib her verzeih sollst dulden schmerz knechte gern

Wortwolke

Wortwolke zu Enthüllung

Stilmittel

Alliteration
mit türkischen Märchenblumen toll durchzackt
Anapher
Gib her, gib her den Trauerschleier
Bildlichkeit
Oh, wie schwillt dein düstres Haar, wie lebt dein Bild, wie blüht dein Mund
Hyperbel
Ich reiß ihn lachend dir entzwei!
Metapher
Was starrst du so ins Feuer
Personifikation
wie blüht dein Mund -: als wenn durch Nächte der Blitze bläuliches Geflechte, der Honigduft der roten Disteln quillt
Vergleich
Dein weißes Kleid ist wie zum Hohne