Enthülltes Geheimnis
1897Von meinem Auge sank es wie ein Schleier, Da ich zuerst dich fand. Mir war, Als würd′ im Tempel mir bei heil′ger Feier Ein göttliches Geheimnis klar.
Und in die Seele kam mir tiefes Schweigen; Mit Staunen, wie zum erstenmal, Sah ich die hocherhabne Sonne steigen, Des Mondes milden Dämmerstrahl.
Erst nun ist alles, alles mir erschlossen, Die Stimmen all von Wald und Flur Versteh′ ich nun, das Welken und das Sprossen Der ewig waltenden Natur.
Und was der Weisen Lehren nicht gelungen, Nur durch der Liebe Zaubermacht, Die feur′ger redet, als mit Engelzungen, Hast du es, fast noch Kind, vollbracht.
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Interpretation
Das Gedicht "Enthülltes Geheimnis" von Adolf Friedrich Graf von Schack beschreibt die tiefgreifende Wirkung, die die Begegnung mit einer geliebten Person auf den lyrischen Ich hat. Die Liebe wird als eine Art Offenbarung dargestellt, die den Schleier der Unwissenheit lüftet und das Verständnis für die Welt erweitert. Der Tempel und die heilige Feier dienen als Metaphern für die Intimität und die spirituelle Dimension dieser Erfahrung. Die zweite Strophe betont die erneuerte Wahrnehmung der Natur durch die Liebe. Die Sonne und der Mond werden nicht nur als Himmelskörper, sondern als Symbole für Erleuchtung und sanfte Führung wahrgenommen. Die Liebe ermöglicht es dem lyrischen Ich, die Welt mit den Augen eines Kindes zu sehen, voller Staunen und Bewunderung. Diese neu gewonnene Klarheit erstreckt sich auf alle Aspekte der Natur und des Lebens. In der dritten Strophe wird die universelle Bedeutung dieser Erkenntnis unterstrichen. Die Liebe hat dem lyrischen Ich die Fähigkeit verliehen, die Sprache der Natur zu verstehen, die Zyklen des Lebens und die Weisheit der natürlichen Welt zu begreifen. Diese Erkenntnis übersteigt das menschliche Wissen und die Lehren der Weisen, da sie durch die transformative Kraft der Liebe erlangt wurde. Die letzte Strophe würdigt die Geliebte als eine Art Wundertäterin, die es vermag, was selbst die Weisen nicht erreichen konnten. Die Liebe wird als eine Zauberkraft dargestellt, die in der Lage ist, die tiefsten Geheimnisse des Lebens zu enthüllen. Die Geliebte, noch ein Kind, hat durch ihre Unschuld und Reinheit diese Offenbarung ermöglicht. Das Gedicht endet mit einer Hommage an die Macht der Liebe, die als eine göttliche Gabe dargestellt wird, die den Menschen die tiefsten Geheimnisse des Lebens offenbart.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Die feur'ger redet, als mit Engelzungen
- Hyperbel
- Als würd' im Tempel mir bei heil'ger Feier Ein göttliches Geheimnis klar
- Metapher
- Von meinem Auge sank es wie ein Schleier
- Personifikation
- Das Welken und das Sprossen der ewig waltenden Natur
- Symbolik
- Die hocherhabne Sonne steigen, Des Mondes milden Dämmerstrahl
- Vergleich
- Von meinem Auge sank es wie ein Schleier