Entartung

Heinrich Heine

1797

Hat die Natur sich auch verschlechtert, Und nimmt sie Menschenfehler an? Mich dünkt, die Pflanzen und die Thiere, Sie lügen jetzt wie Jedermann.

Ich glaub’ nicht an der Lilje Keuschheit, Es buhlt mit ihr der bunte Geck, Der Schmetterling; der küsst und flattert Am End’ mit ihrer Unschuld weg.

Von der Bescheidenheit der Veilchen Halt’ ich nicht viel. Die kleine Blum’, Mit den koketten Düften lockt sie, Und heimlich dürstet sie nach Ruhm.

Ich zweifle auch, ob sie empfindet, Die Nachtigall, Das, was sie singt; Sie übertreibt und schluchzt und trillert Nur aus Routine, wie mich dünkt.

Die Wahrheit schwindet von der Erde, Auch mit der Treu’ ist es vorbei. Die Hunde wedeln noch und stinken Wie sonst, doch sind sie nicht mehr treu.

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Illustration zu Entartung

Interpretation

Das Gedicht "Entartung" von Heinrich Heine beschäftigt sich mit dem Verfall der Natur und ihrer Verfälschung durch menschliche Eigenschaften. Der Dichter stellt die Frage, ob die Natur sich verschlechtert hat und menschliche Fehler übernommen hat. Er beschreibt, wie Pflanzen und Tiere nun lügen wie jeder Mensch, was auf einen Verlust der Unschuld und Reinheit der Natur hindeutet. Heine geht dann auf spezifische Beispiele ein, um seinen Punkt zu verdeutlichen. Die Lilie, die einst als Symbol der Keuschheit galt, wird nun als untreu dargestellt, da der Schmetterling um ihre Gunst wirbt und sie am Ende ihrer Unschuld beraubt. Die Veilchen, die einst als bescheiden galten, werden als kokett und auf Ruhm ausgerichtet beschrieben. Sogar die Nachtigall, die für ihre melodischen Lieder bekannt ist, wird als übertreibend und ohne echte Empfindung dargestellt. Im letzten Teil des Gedichts zieht Heine ein Fazit und betont den Verlust der Wahrheit und Treue auf der Erde. Die Hunde, die einst als treue Begleiter galten, wedeln und stinken zwar wie früher, aber ihre Treue ist verloren gegangen. Das Gedicht endet mit einem düsteren Ausblick auf eine Welt, in der die Natur und ihre Bewohner von menschlichen Fehlern und Verfälschungen durchdrungen sind.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Hyperbel
Die Aussage, dass die Wahrheit von der Erde schwindet, ist eine Übertreibung.
Metapher
Die Hunde werden als Symbol für Treue verwendet.
Personifikation
Die Nachtigall wird als übertreibend und routiniert singend beschrieben.