Endymions Traum

Christoph Martin Wieland

1733

Wo blieb auch, hätte nicht ein Maler und Poet Das Recht, ins Schönere zu malen, Die Zauberey des schönen Idealen? Das Übermenschliche, wovon die Werke strahlen, Vor denen still entzückt der ernste Kenner steht? Die Grazien, wozu die rohe Majestät Und Einfalt der Natur das Urbild nie gegeben? Die Galatheen, die Danaen und Heben. u.s.w.

Ihn hört die Königin der Nacht, Wie er versenkt in seinem Grame lieget, Und seinen Sternen flucht; - Sie, die allein noch wacht, Indem der Schlummergott den halben Erdkreis wieget; Sie, welche launenvoll, in tausendfacher Tracht, Die Schlafenden beschleicht, und mit Gesichten trüget, So wie ihr leichter Zauberstab Um ihre Nasen tanzt, - ihn hört die Fee Mab.

Wer kennet nicht den unnachahmbarn Britten, Der in die Geisterwelt, das unbekannte Land, Auf seinem Steckenpferd so tief hinein geritten, Und dieses Landes Sprach′ und Sitten So gut gesprochen und gekannt, Als hätt′ ihn Oberon zu uns herabgesandt? Wenn seine Zeugschaft gilt, so trat der Dame Mab Der alte Morpheus längst das Reich der Träume ab.

So wie die Schwärmerin auf ihrem kleinen Wagen Dem Krämer über′n Hals, durch′s Hirn dem Pächter rollt, Dem fetten Domherrn über′n Magen, Träumt jener stracks von einem Rathsherrnkragen, Der Domherr einen Schmaus, der Zöllner lauter Gold; Durch sie empfängt der Hauptmann seinen Sold, Der Höfling Pension, der Oheim Toby Risse Von Festungen, und Schwester Klärchen … Küsse.

Mitleidig läßt die Fee Mab (Kaum halb so groß, als wie die Teufelchen von Glase, Wovon Cartesius uns die Erfindung gab) Zu unserm Mann, der, wie gesagt, im Grase An einer Linde lag, sich durch die Nacht herab, Und plötzlich schläft er ein, indem durch seine Nase Den nächsten Weg, der ins Gehirne führt, Die kleine Mab mit Sechsen gallopirt.

Auf einmal wird′s in seiner Zirbeldrüse So hell, wie in dem Paradiese, Womit der Mann, dem einst der volle Mond Durch seinen Ermel kroch, die Gläubigen belohnt. Ein goldnerer Pallast, als jemals Zwerg und Riese In einem Ritterbuch bewohnt, Steht vor ihm da, und aus der Pforte winket Ihm eine Schöne zu, die wie … ein Rabe blinket.

Schön? … nämlich schön, wie sich′s ein Neger wünschen mag. Schwarz, wie die Nacht, kurz, wie ein Wintertag, Die Nase platt, die Augen von Crystallen, Der Mund ein Kanapee, wo Amor räumlich lag: Gepolstert, weich, und röther als Korallen, Statt Locken, die herab bis an die Hüften wallen, Ein wollicht Haar, von selbst gekräus′t, Und Zähne, wie man sie gern hat und gerne weis′t.

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Illustration zu Endymions Traum

Interpretation

Das Gedicht "Endymions Traum" von Christoph Martin Wieland erzählt von der Macht der Kunst und des Idealen, die die Natur übertrifft. Der Sprecher argumentiert, dass Maler und Dichter das Recht haben, das Schöne zu idealisieren, da die Natur selbst nicht immer die perfekten Vorbilder für Schönheit liefert. Er erwähnt die Werke großer Künstler, die den Betrachter in Staunen versetzen und die von der Natur nicht gegebenen Anmut und Eleganz darstellen. Die Handlung des Gedichts dreht sich um Endymion, der von der Königin der Nacht, Mab, besucht wird. Mab ist eine Fee, die den Schlafenden Träume schickt und sie mit Gesichten täuscht. Sie bringt Endymion einen Traum, in dem er sich in einem prächtigen Palast wiederfindet. Dort winkt ihm eine schöne Frau zu, die jedoch eine ungewöhnliche Schönheit besitzt, die dem Ideal des Sprechers entspricht. Sie ist schwarz, hat plattgedrückte Nase, kristallene Augen und einen Mund, der als Kanapee für Amor dient. Ihre Haare sind kraus und ihre Zähne sind perfekt. Das Gedicht zeigt die Spannung zwischen dem Ideal der Schönheit und der Realität auf. Es stellt die Frage, ob die Kunst das Recht hat, die Natur zu idealisieren und ob die perfekten Vorbilder für Schönheit in der Natur zu finden sind. Die Beschreibung der schwarzen Schönheit in Endymions Traum verdeutlicht, dass Schönheit in verschiedenen Formen existieren kann und dass das Ideale nicht unbedingt den konventionellen Schönheitsstandards entsprechen muss.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Allusion
Wer kennet nicht den unnachahmbarn Britten
Bildsprache
Ein wollicht Haar, von selbst gekräus't
Hyperbel
So wie die Schwärmerin auf ihrem kleinen Wagen Dem Krämer über'n Hals, durch's Hirn dem Pächter rollt
Kontrast
Schwarz, wie die Nacht, kurz, wie ein Wintertag
Metapher
Die Zauberey des schönen Idealen
Personifikation
Sie, welche launenvoll, in tausendfacher Tracht, Die Schlafenden beschleicht
Vergleich
Schön? ... nämlich schön, wie sich's ein Neger wünschen mag