Empörung

Hedwig Lachmann

1919

Es freuen sich die Schergen und die Schächer, Dass man die Unschuld peinigt und verhöhnt, Gebunden steht das Opfer, dran ein frecher Tyrannendünkel seiner Willkür frönt.

So muss zu Fluch und ewigem Verderben Der Schwache dulden die metallne Faust, Die, ihm ihr Schandmal in das Fleisch zu kerben, Auf den gebeugten Nacken niedersaust.

Zu seinem mörderischen Handwerk rüstet Sich auf dem Markte der gedungne Knecht, Der Menschenwohnungen zu Staub verwüstet, Vom Boden tilgt ein wehrloses Geschlecht.

Wie von bekränzten Stieren, an Altären Dem frommen Opfertod geweiht, raucht warm Das Menschenblut zu einer Gottheit Ehren Und keiner fällt den Henkern in den Arm.

Einst tönte eine Botschaft in die Lande, Die in Erbarmen wandelte die Gier Und schlug um alle Menschen Liebesbande: Was ihr den Ärmsten tut, das tut ihr mir!

Wo wächst die Kraft, dass sie die Flammen schüre, Den Mordgeist wie ein Spukgebild verscheuch′, Mit Allgewalt an alle Herzen rühre: Was diesen hier geschieht, das tut man euch!

Wann schwillt zu solch zerstörerischer Welle Getretner Menschengeist, dass er sich bäumt, Wild überflutet seine eigne Schwelle Und dann gelassen wieder weiterschäumt?

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Illustration zu Empörung

Interpretation

Das Gedicht "Empörung" von Hedwig Lachmann schildert die Ungerechtigkeit und Grausamkeit der Welt, in der die Unschuldigen leiden müssen, während die Mächtigen willkürlich handeln. Die erste Strophe beschreibt, wie die "Schergen und Schächer" sich freuen, wenn Unschuldige gequält und verhöhnt werden. Das Opfer ist gebunden und der Tyrannenwahn herrscht. Die zweite Strophe verdeutlicht, dass der Schwache das Unrecht ertragen muss, während die "metallne Faust" ihm ihr Schandmal ins Fleisch gräbt. In der dritten Strophe wird von einem bezahlten Henker berichtet, der Häuser zerstört und ein wehrloses Volk auslöscht. Die vierte Strophe zieht einen Vergleich zu Tieropfern an Altären, deren Blut zu Ehren einer Gottheit vergossen wird, ohne dass jemand den Henkern Einhalt gebietet. Die fünfte Strophe erinnert an eine Botschaft der Barmherzigkeit, die die Gier in Mitgefühl verwandelte und die Menschen durch die Liebe verband. Die sechste Strophe fragt, woher die Kraft kommen soll, die Flammen zu entfachen, den Mordgeist zu vertreiben und alle Herzen zu bewegen, dass das, was anderen geschieht, auch ihnen selbst geschieht. Die siebte und letzte Strophe stellt die Frage, wann der unterdrückte menschliche Geist sich zu einer zerstörerischen Welle aufbäumen wird, um sich dann wieder zu beruhigen.

Schlüsselwörter

tut alle freuen schergen schächer unschuld peinigt verhöhnt

Wortwolke

Wortwolke zu Empörung

Stilmittel

Alliteration
Schwache dulden die metallne Faust
Bildsprache
Wie von bekränzten Stieren, an Altären
Hyperbel
Zu seinem mörderischen Handwerk rüstet
Metapher
Die metallne Faust
Personifikation
Den Mordgeist wie ein Spukgebild verscheuch′
Rhetorische Frage
Wann schwillt zu solch zerstörerischer Welle
Symbolik
Was ihr den Ärmsten tut, das tut ihr mir!