Empfindungen auf der Redoute

Gabriele von Baumberg

1768

So seh’ ich dich, geliebter Tanzsaal, wieder, Den sonst die laute Freude nur belebt, Und wo vermummt der Leichtsinn auf und nieder, Wie auf dem Rosenbeet ein Zephyr, schwebt;

Wo aber ich zuerst die Liebe fühlte, Wovon ich eh den Schatten nur gekannt, Und tändelnd bloss mit Männerherzen spielte, Bis Amor mich mit goldnen Ketten band;

Wo stets umringt von lockrer Stutzer Reihen, Die mich als ihre Königinn verehrt, Das eitle Mädchen ihre Schmeicheleyen, Mit halbem Ohre zwar, doch gern gehört;

Wo mir’s Vergnügen war, von einer Menge Hirnloser Gaffer angestarrt zu seyn; Wo über ihr geschäftiges Gedränge Ich Frauenzimmer gnug war, mich zu freun;

Wo oft ein Kreis von einem halben Hundert Als art’ge Masque bald mich angestaunt, Und bald als gute Tänzerin bewundert, Und halblaut sich mein Lob ins Ohr geraunt.

Wie eckel sind mir nun die Freuden alle, Die mich vor kurzem noch so sehr entzückt! Wie wenig kümmert’s mich, ob ich gefalle: Da, Jüngling, deine Liebe mich beglückt.

Ich schmiege mich, wie eine fromme Taube, An dich, an dich, den meine Muse preis’t, Und drehe mich zwar mit dem Fuss im Staube, Doch weit, weit über Sternen fliegt mein Geist.

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Illustration zu Empfindungen auf der Redoute

Interpretation

Das Gedicht "Empfindungen auf der Redoute" von Gabriele von Baumberg schildert die emotionale Wandlung der lyrischen Ich-Figur in einem Tanzsaal. Anfangs wird der Ort als Ort der Heiterkeit und des Flirts beschrieben, wo die Protagonistin früher mit den Herzen der Männer spielte und sich von der Bewunderung der Männer umgeben fühlte. Die Atmosphäre ist von Leichtigkeit und Eitelkeit geprägt, wobei die junge Frau sich als Königin der Tanzfläche fühlt und die Aufmerksamkeit der Männer genießt. Die Wendung im Gedicht erfolgt mit dem Eintritt der wahren Liebe. Die Protagonistin erkennt, dass die früheren Freuden und die Bewunderung der Männer nun leer und ekelhaft erscheinen. Die Liebe zu einem bestimmten Jüngling hat ihre Perspektive verändert, und sie fühlt sich nun von der Zuneigung dieses einen Menschen erfüllt und beglückt. Die frühere Eitelkeit und das Spiel mit den Herzen der Männer verlieren an Bedeutung. Im letzten Abschnitt drückt die lyrische Figur ihre tiefe Verbundenheit und Hingabe zu ihrem Geliebten aus. Sie vergleicht sich mit einer frommen Taube, die sich an ihn schmiegt, und betont, dass ihre Muse ihn preist. Obwohl sie sich physisch noch im Tanzsaal befindet und sich im Staub dreht, schwebt ihr Geist weit über den Sternen, was auf eine erhabene, fast transzendente Liebe hindeutet. Die wahre Liebe hat die Protagonistin aus der Welt des oberflächlichen Flirts und der Eitelkeit erhoben und ihr eine tiefere, bedeutungsvollere Erfahrung geschenkt.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
Doch weit, weit über Sternen fliegt mein Geist
Personifikation
Den sonst die laute Freude nur belebt