Empfang

Richard Dehmel

1920

Aber komm mir nicht im langen Kleid! komm gelaufen, daß die Funken stieben, beide Arme offen und bereit! Auf mein Schloß führt keine Galatreppe; über Berge geht′s, reiß ab die Schleppe, nur mit kurzen Röcken kann man lieben!

Stell dich nicht erst vor den Spiegel groß! Einsam ist die Nacht in meinem Walde, und am schönsten bist du blaß und bloß, nur beglänzt vom schwachen Licht der Sterne; trotzig bellt ein Rehbock in der Ferne, und ein Kuckuck lacht in meinem Walde.

Wie dein Ohr brennt! wie dein Mieder drückt! rasch, reiß auf, du atmest mit Beschwerde; oh, wie hüpft dein Herzchen nun beglückt! Komm, ich trage dich, du wildes Wunder: wie dich Gott gemacht hat! weg den Plunder! und dein Brautbett ist die ganze Erde.

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Illustration zu Empfang

Interpretation

Das Gedicht "Empfang" von Richard Dehmel ist ein leidenschaftliches und impulsives Plädoyer für eine unmittelbare, natürliche und ungezwungene Liebe. Der Sprecher fordert die Geliebte auf, auf ihn zuzukommen, ohne die Formalitäten und Zwänge der Gesellschaft. Er wünscht sich, dass sie in kurzen Röcken und ohne langen Schleppe kommt, was symbolisch für die Ablehnung gesellschaftlicher Konventionen und die Annahme einer rohen, unverfälschten Liebe steht. Die Atmosphäre des Gedichts ist von einer wilden, fast animalischen Leidenschaft durchdrungen. Die Natur, mit ihren Bergen, Wäldern und Tieren, wird als Kulisse für diese intensive emotionale Begegnung dargestellt. Der Sprecher beschreibt die Nacht als einsam und betont die Schönheit der Geliebten in ihrer natürlichen, ungeschmückten Form. Die Erwähnung des Rehbocks und des Kuckucks fügt der Szene eine lebendige, fast primitive Dimension hinzu. Im letzten Teil des Gedichts wird die Dringlichkeit und Intensität der Gefühle des Sprechers noch deutlicher. Er fordert die Geliebte auf, sich von den einschränkenden Kleidern zu befreien und sich ihm in ihrer natürlichen Form hinzugeben. Die Erde selbst wird als ihr Brautbett bezeichnet, was die Verbundenheit mit der Natur und die Ablehnung konventioneller Hochzeitsrituale unterstreicht. Das Gedicht endet mit einem leidenschaftlichen Aufruf zur Hingabe und zur Annahme der Liebe in ihrer reinsten, ungefilterten Form.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Bildsprache
komm gelaufen, daß die Funken stieben
Direkte Anrede
Wie dein Ohr brennt! wie dein Mieder drückt!
Hyperbel
und dein Brautbett ist die ganze Erde
Imperativ
Aber komm mir nicht im langen Kleid!
Kontrast
Einsam ist die Nacht in meinem Walde
Metapher
mein Schloß führt keine Galatreppe; über Berge geht's
Onomatopoesie
ein Kuckuck lacht in meinem Walde
Personifikation
trotzig bellt ein Rehbock in der Ferne
Symbolik
nur mit kurzen Röcken kann man lieben
Vergleich
und am schönsten bist du blaß und bloß, nur beglänzt vom schwachen Licht der Sterne