Empfang
Aber komm mir nicht im langen Kleid!
komm gelaufen, daß die Funken stieben,
beide Arme offen und bereit!
Auf mein Schloß führt keine Galatreppe;
über Berge geht′s, reiß ab die Schleppe,
nur mit kurzen Röcken kann man lieben!
Stell dich nicht erst vor den Spiegel groß!
Einsam ist die Nacht in meinem Walde,
und am schönsten bist du blaß und bloß,
nur beglänzt vom schwachen Licht der Sterne;
trotzig bellt ein Rehbock in der Ferne,
und ein Kuckuck lacht in meinem Walde.
Wie dein Ohr brennt! wie dein Mieder drückt!
rasch, reiß auf, du atmest mit Beschwerde;
oh, wie hüpft dein Herzchen nun beglückt!
Komm, ich trage dich, du wildes Wunder:
wie dich Gott gemacht hat! weg den Plunder!
und dein Brautbett ist die ganze Erde.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Empfang“ von Richard Dehmel ist eine leidenschaftliche Liebeserklärung, die von einer befreienden Sinnlichkeit geprägt ist. Es bricht mit konventionellen Vorstellungen von Weiblichkeit und Romantik, indem es die geliebte Person zu einem natürlichen, ungekünstelten Erscheinen auffordert. Der Dichter beschwört ein intimes Zusammentreffen in der Natur herauf, abseits jeglicher gesellschaftlicher Zwänge und übertriebener äußerlicher Präsentation.
In den ersten beiden Strophen werden klare Anweisungen gegeben, die die geliebte Person auffordern, ihre äußere Erscheinung zu verändern. Lange Kleider und aufwendige Vorbereitungen werden abgelehnt. Stattdessen soll die Geliebte „kommen, dass die Funken stieben“ und „nur mit kurzen Röcken kann man lieben!“. Die „Galatreppe“ des Schlosses, ein Symbol für gesellschaftlichen Zwang, wird durch die raue Natur des Waldes ersetzt, wo die Sterne das einzige Licht spenden. Der Dichter entwirft ein Bild der Natürlichkeit, das sowohl die Frau als auch die Liebe von jeglicher Künstlichkeit befreit.
Die dritte Strophe intensiviert das Erlebnis der Annäherung und des Liebens. Der Dichter beobachtet die Reaktionen seiner Geliebten: ihr brennendes Ohr, ihr drückendes Mieder und ihr beglücktes Herz. Er drängt sie dazu, ihre Kleidung abzulegen, um die natürliche Schönheit und Freiheit zu betonen. Die Worte „wie dich Gott gemacht hat!“ deuten auf eine Verehrung der ursprünglichen, unberührten Form der Geliebten hin. Das „Brautbett“ wird in der Weite der „ganzen Erde“ gefunden, ein Ausdruck grenzenloser Leidenschaft und Hingabe.
Dehmels Sprache ist direkt und sinnlich, voller Aufrufe und Imperative. Der Rhythmus ist lebhaft und ungestüm, was die erotische Energie des Gedichts widerspiegelt. Die Bilder sind stark und naturverbunden. Sie beschwören eine Atmosphäre von Wildheit und Freiheit, in der die Geliebte ihre Hemmungen ablegen und sich dem Liebenden hingeben kann. Das Gedicht feiert die rohe, ungezügelte Natur der Liebe und stellt eine Rebellion gegen gesellschaftliche Konventionen dar, die das Vergnügen und die Natürlichkeit einschränken.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.