Eleonoren

Max von Schenkendorf

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Noch weil′ ich in der Frühlingslaube, Und gebe mich der Glut gefangen, Die nicht des Westes Fittig kühlt, Der hier um meine blassen Wangen So abendlich, so leise spielt. Mein Wesen wird der Kraft zum Raube, Die magisch in mir wirkt und webt, Indeß der gottvertraute Glaube Sein Haupt nach jenen Sternen hebt.

Die Frühlingsluft, die mich durchschauert, Sie weckt in meinem kranken Herzen Des wunderbaren Stromes Lauf, Die bittre Lust, die süßen Schmerzen Der ungestillten Sehnsucht auf, Die nach dem Gut, das ewig dauert, Nach der entschwundnen goldnen Zeit, Wie die gefangne Psyche trauert, Und der kein Gott die Flügel leiht.

Ich seh′ sich mir die Wolken neigen, Mir beut der Lenz die zarten Schwingen, Um in des Herzens regem Drang Dem schönen Gotte nachzudringen, Der heute sich der Erd′ entschwang. Die Blumen, so der Flur entsteigen, Sie scheinen meinem Liebeswahn Der Sehnsucht hohe Bahn zu zeigen, Sie blicken alle himmelan.

Erbärmlich Loos der Staubgebornen, Daß ihres Lebens höchste Blüte Vom Athem des Genusses stirbt, Und alles, dem ihr Herz entglühte, Nur in der Ferne Reiz erwirbt! Daß mit dem Schimmer des Erkornen Auch die Empfänglichkeit zerfließt, Zum oft Gefundnen, oft Verlornen Die Sehnsucht sich ins Grab verschließt.

Da stehn sie einsam, mit den Narben Erschlag′ner Himmelsseligkeiten In der zerrißnen, wunden Brust, Ruinen der Vergangenheiten, Des frühen Traums sich kaum bewußt, Und schaun auf Keime, die erstarben, Mit fürchterlichem Geize hin. Sie sind so reich, so voll und darben Mit ihrem königlichen Sinn.

Willst du dem Weltentanz entfliehen? Willst du allein die Wüste wählen, Und aus des Meisters heil′gem Ring Die zarteste der Perlen stehlen, Die je der Orient empfing? Willst du, wo tausend Blumen blühen, Mit abgewendetem Gesicht In stolzem Gram vorüberziehen? Das kannst du schöne Seele nicht!

Laß durch die Schöpfungen uns wallen! Was hier sich unsrem Blick verloren, Entschwand nicht aus des Vaters Reich, In schönern Welten neugeboren Lebt es den sel′gen Geistern gleich. Mag aus der Hand die Blüte fallen, Sie fällt an einen bessern Ort, Mag Philomelens Ton verhallen, Die Sphären tönen ewig fort.

Der schnelle Flug des Erdenglückes Soll das Gemüth zum Lande heben, Wo, durch den Raum nicht mehr getrennt, Die abgeschiednen Stunden leben, Wo die erloschne Flamme brennt; Wohin die Schwinge deines Blickes, Im Sternenschimmer früh schon flog, Wohin der Sieger des Geschickes, Der größer als Alcides, zog.

Hat dieses Lied die Lust erneuert, Die, dir von dort herabgeflossen, Vom Schmerze nur verdrungen ward, Hat es dein Herz mir aufgeschlossen - Dann hab′ ich auf die rechte Art, Von heil′ger Mitternacht umschleiert, Von einem Geisterchor geküßt, Des Heilands Himmelfahrt gefeiert, Die mir das Fest der Sehnsucht ist.

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Illustration zu Eleonoren

Interpretation

Das Gedicht "Eleonoren" von Max von Schenkendorf ist ein lyrisches Werk, das die Themen Sehnsucht, Vergänglichkeit und die Suche nach dem Ewigen behandelt. Der Sprecher befindet sich in einer Frühlingslaube und fühlt sich von einer geheimnisvollen Kraft ergriffen, die ihn in einen Zustand der Sehnsucht versetzt. Die Frühlingsluft weckt in ihm die Erinnerung an eine goldene Zeit, die verloren gegangen ist. Er sehnt sich nach dem Göttlichen und nach einer höheren Wirklichkeit, die jenseits der vergänglichen Welt liegt. Im zweiten Teil des Gedichts beschreibt der Sprecher die Qualen der Sterblichen, die in ihrer Sehnsucht gefangen sind und die Vergänglichkeit alles Irdischen erleben müssen. Er beklagt, dass die höchste Blüte des Lebens vom Atem des Genusses stirbt und dass die Sehnsucht sich ins Grab schließt. Doch trotz dieser düsteren Realität gibt es Hoffnung und Trost in der Vorstellung, dass das Verlorene in schöneren Welten wiedergeboren wird und den seligen Geistern gleichlebt. Im letzten Teil des Gedichts ermutigt der Sprecher den Leser, nicht der Welt zu entfliehen, sondern durch die Schöpfungen zu wallen und die Schönheit der Natur zu erkennen. Er versichert, dass das, was uns dem Blick verloren gegangen ist, nicht aus dem Reich des Vaters entschwunden ist, sondern in schöneren Welten wiedergeboren wird. Das Gedicht endet mit der Hoffnung, dass der Leser durch dieses Lied die Lust erneuert und sein Herz geöffnet hat, und dass der Sprecher auf diese Weise das Fest der Sehnsucht gefeiert hat.

Schlüsselwörter

sehnsucht willst lust ewig blumen blüte herz oft

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Mag aus der Hand die Blüte fallen
Anspielung
Wo die erloschne Flamme brennt; Wohin die Schwinge deines Blickes, Im Sternenschimmer früh schon flog, Wohin der Sieger des Geschickes, Der größer als Alcides, zog
Bildsprache
Die zarteste der Perlen stehlen, Die je der Orient empfing
Hyperbel
Wo die erloschne Flamme brennt
Kontrast
Die bittre Lust, die süßen Schmerzen
Metapher
Der schnelle Flug des Erdenglückes
Personifikation
Die Sphären tönen ewig fort
Symbolik
Die Blumen, so der Flur entsteigen, Sie scheinen meinem Liebeswahn Der Sehnsucht hohe Bahn zu zeigen